Der Raum
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Gibt es dort draussen solche Menschen? Menschen, die genauso wie ich an diesen einem Punkt angelangt sind, an dem man bezweifelt, ob man nicht schon längst über den Rand des Wahnsinns hinausgetreten ist? Menschen, die sich fragen, was Wahnsinn ist? Ist das hier Wahnsinn oder einfach nur die bittere, traurige Realität? Bin ich wahnsinnig, oder habe ich es geschafft, mich von ihm abzuschotten, ihn auszusperren? Vielleicht läuft er da draussen rum, wartet nur auf die nächste Gelegenheit, um hier hereinzubrechen und mich zu greifen, Besitz von mir zu ergreifen.
Was schleicht da draussen rum?
Es ist jedenfalls nicht hier, keinesfalls hier drin. Nicht in meiner Wohnung, nicht in meinen vier Wänden. Ich kenne jeden Quadratzentimeter, nein, -Milimeter. Da ist nichts, was darauf hindeutet, dass es diesem etwas gelungen ist, hier einzudringen.
Mein Schlafzimmer und mein Flur sind so, wie ich sie kenne.
Mein Wohnzimmer und meine Küche sind so, wie ich sie kenne.
Und mein Badezimmer und meine Vorratskammer sind so, wie ich sie kenne.
Ist die Welt dort draussen so, wie ich sie kenne?
Nein? Ja? Ich bin mir nicht sicher. Die Stimmen aus dem Radio sagen, es wäre nicht so. Und auch die Bilder aus dem Fernseher sagen, es wäre nicht so. Wenn ich aus dem Fenster schaue, dann sieht es nicht nach dem aus, wonach die Bilder im Fernseher aussehen oder die Stimmen im Radio klingen. Durch mein Fenster sehe ich nichts, wovor ich mich fürchten müsste. Nur Menschen, die dort gehen und gehen. Autos, die dort fahren und fahren. Und Häuser, die dort stehen und stehen. Da draussen läuft ein Leben, ein kommen und gehen, aber es ist ganz anders als das, was ich hier drin führe. Was ich durch mein Fenster sehe, ist ein Leben ohne all diesen Hass und all diese Angst, die ich aus dem Fernseher oder aus dem Radio kenne. Da draussen gibt es zumindest augenscheinlich dieses etwas nicht, wovor die Medien warnen.
Gehe nicht raus, es könnte überall sein. Vielleicht ist es dort, wo du es am wenigsten vermuten würdest. Es könnte dich treffen, jederzeit. Für dich ist es unsichtbar. Du siehst es nicht. Ich sehe es nicht; durch mein Fenster sehe ich es nicht.
Aber wozu brauche ich die Fenster meiner Wohnung? Ich habe im Schlafzimmer ein Ohr zur Welt und im Wohnzimmer ein Auge zur Welt. Das sind Fenster, mit denen ich weiter sehen kann als nur bis zur gegenüberliegenden Seite der Strasse. Viel weiter, viel weiter über die Häuser hinaus. Weit über die Dächer in andere Längen- und Breitengerade tragen mich das Auge und das Ohr, und sie zeigen mir das, wovor ich Angst haben muss. Bilder des Wahnsinns, Akte des Wahnsinns. Wahnsinn, gepresst in Bild und Ton. Die ganze Welt ist wahnsinnig geworden.
Was dort passiert, kann auch hier passieren. Es hat ein Netzwerk, Verbindungen überall hin. Es weitet sich global aus, und es könnte hierher kommen. Und meist kommt es an Plätze, wo viele Menschen sind. Und darum bin ich hier.
Hier. Hier bin nur ich. Wenn ich rausgehe, dann könnte es mich treffen, ob nun beabsichtigt oder nicht. Wenn ich an dem Leben dort draussen teilhabe, dann könnte es mich ergreifen. Mich packen und zerquetschen, während ich in den letzten Atemzügen bereuhe, jemals meine eigenen vier Wände verlassen zu haben. Warum sollte es hierher kommen, wenn ich mich quasi nicht rühre? Ich locke es nicht her, wenn ich nicht nach draussen trete. Es wird nicht auf mich aufmerksam, wenn ich nicht nach draussen trete. Solange ich nicht auf die Strasse gehe, das Leben dort draussen manipuliere, kann es mir doch nichts anhaben. Ich gerate nicht ins Fadenkreuz, komme niemanden in die Quere. Und es ist mir egal, ob es jemanden von dort draussen erwischt, solange ich es nicht bin. Wenn ich im Radio oder im Fernseher sehe, dass es woanders zugeschlagen hat, dann bin ich schockiert und trotzdem erleichtert. Ich gestehe mir selbst ein, dass dies ein trauriges Verhalten ist. Das dies egoistisch ist, dass andere mich deswegen verachten würden, dass ich deshalb vielleicht den Tod verdient hätte. Aber das ist mir egal, solange mir nichts passiert. Ich hoffe, dass es niemals wieder zuschlagen wird, obwohl es das selbstverständlich tun wird. Und wenn es das tut, dann hoffe ich, dass es nicht mich mit seinen Klauen erhaschen wird. Nicht mich.
Aber wie könnte es das? Mein Verstand sagt mir, dass es nicht möglich ist. Ich habe meine Tür mit Brettern verbarrikadiert, habe meine Möbel dafür auseinander geschraubt, zerstört, zerissen. Die Teile habe ich alle an die Tür genagelt. Sehr fest vernagelt. Dort kommt niemand mehr rein. ZU fest genagelt. Ich weiss, ich habe mich selbst eingesperrt, aber es kommt niemand mehr rein. In den Medien sagen sie, es würde mit Bomben kommen. Wenn das passiert, dann wären die Bretter egal. Sie würden einfach weggesprengt werden, in Fetzen durch die Luft fliegen. Aber wenn es mit Bomben kommt, wäre alles egal. Dann wäre ich tot. Dann würden meine vier Wände kreuz und quer durch die Luft fliegen und es würde mich zerreissen; so wie ein Rudel Raubtiere ein unschuldiges Lamm zerfleischen würde. Doch wenn es nicht mit Bomben kommt, wenn es einfach so kommt, mit etwas anderem vielleicht, dann wäre ich sicher. Darauf baue ich auf. Diese Hoffnung ergreife ich für mich. Die Fenster, auch die Fenster habe ich verbarrikadiert, fest zugemacht. Ich hatte nicht genug, um sie ganz zu verdichten. Deshalb bleiben kleine Spalte, um hindurchzusehen. Deshalb kann ich das Leben dort draussen sehen. Aber so, wie sie jetzt präpariert sind, kann niemand etwas hineinwerfen und ein Scharfschütze müsste sehr, sehr gut zielen.
Ich habe mich eingesperrt. Ich komme nicht mehr raus, aber ich kann mir zumindest einreden, dass ich sicher bin. Das Radio und der Fernseher, das Ohr und das Auge, sie sagen, ich bin es nicht. Und mein Gefühl, nicht mein Verstand, sondern nur mein Gefühl sagt mir, dass ich es nicht bin. Das geht schon seit Tagen, Wochen, Monaten. Schon lange bevor ich die Bretter angenagelt habe, schon lange bevor ich überhaupt mit dem Gedanken gespielt habe, mich einzubunkern. Aber an diesen Gedanken gewöhnt man sich, dieser Gedanke wird irgendwann zur Gewohnheit. Ich habe hier alles, was ich zum Leben brauche, jedenfalls für eine Weile. Ich komme hier nicht mehr raus, aber ich habe ein ganzes Lager an Lebensmitteln. Ich komme hier nicht mehr raus, aber habe immer noch genug Luft zum Atmen. Ich komme hier nicht mehr raus, aber ich habe das Ohr und das Auge. Aber der Gedanke wird zur Gewohnheit und wenn sie zu dem geworden ist, kommt die Frage.
Die Frage. Die Frage, die niemand stellt. Die Frage, die im Radio oder im Fernsehen niemals ausgesprochen wird. Die Frage, die man in der Angst, in der Panik, in dem Schock vergisst. Die Frage, die Frage, die Frage.
Warum?
Warum habe ich Angst?
Ja, ich habe Angst von dem ES, vor diesem unheilbringendem ES.
Aber was ist ES? Warum tut es diese Dinge, warum ist es da? Warum ist es dort, warum kommt es hierer? Warum will es ausgerechnet mich?
Warum?
Das Auge und das Ohr, das Bild und die Stimme, der Fernseher und das Radio, sie geben mir keine Antwort. Sie stellen noch nicht einmal die Frage, auf die es eine Antwort geben müsste. Sie sagen einfach, dass es so ist, wie es derzeit ist. Das ich Angst haben muss, dass alle anderen Angst haben müssen, und das es kommen kann. Mehr tun sie nicht, die Stimme und das Bild. Sie flößen mir die Furcht ein, ohne zu erklären, weshalb ES uns Furcht machen möchte. Und so vergisst jeder, so vergessen alle. Vielleicht kommt manchmal dem einem oder dem anderem die Frage, so wie mir, vielleicht in einer ähnlichen Situation. Vielleicht genau dann, wenn dieser jemand sich ebenso eingesperrt hat wie ich. Aber die Allgemeinheit vergisst diese Frage, die Frage nach dem Grund.
Ob das Auge und das Ohr vielleicht selbst vergessen haben?
Ob ES vielleicht deshalb immer wieder grausame Dinge tut, weil alle vergessen?
Vergessen werden, ist es nicht dass, wovor die Menschen wirklich Angst haben?
Habe ich Angst vor dem Sterben? Oder habe ich Angst davor vergessen zu werden?
Wenn es so ist, dann habe ich mir selbst ein Grab geschaufelt; habe selbst dafür gesorgt, dass alle mich vergessen, dass sogar dieses Etwas, von dem ich noch nicht einmal die genauen Hintergründe kenne, mich vergisst. Hat es überhaupt je an mich gedacht?
Was passiert also mit mir? Ich habe mich selbst eingesperrt, mich ausgeschossen von dem Leben dort draussen. Ich bin hier vielleicht sicher, aber irgendwann ist kein Essen mehr da, und ich verhungere. Irgendwann ist die Luft verbraucht, und ich ersticke. Irgendwann reichen mir die Fenster nicht mehr als sozialer Ersatz, und ich werde wahnsinnig. Der Wahnsinn, er kommt. Das Auge und das Ohr sagen, es ist dort draussen, aber für mich kommt ein anderer, ein persönlicher Wahnsinn auch langsam zu mir. Ich hab ihn nicht abgeschottet, er ist schon längst in mir und wird immer grösser. Wächst und wächst.
Ich sterbe. Langsam, aber sicher.
Ich werde vergessen. Langsam, aber sicher.
Und letztendlich weiss ich noch nicht einmal warum.
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