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Als Kim die Augen aufschlug, dachte sie, sie würde noch träumen, denn statt einer weissen erblickte sie noch etwas verschwommen eine bräunliche Zimmerdecke. Sie wollte sich zur Seite drehen und sich tiefer in die Decke einhüllen, doch als sie sich bei dieser Bewegung auf einem sehr rauhen, harten Boden ihre Hand aufschürfte, wurde sie schlagartig wach. Sie richtete sich auf, spürte wie ihr Kreislauf für Sekundenbruchteile schwankte. Sie war weder in eine Decke eingehüllt, noch saß sie auf einem Bett. Vollkommen irritiert sah Kim sich um. Sie war auch nicht in ihrem Schlafzimmer, überhaupt sah dieser Raum, in dem sie gerade wider erwarten aufgewacht war, alles andere als bewohnbar aus. Er war vielleicht so groß wie ein üblicher Kellerraum, der mit einer einfachen, an einem Kabel herunterhängende Glühbirne beleuchtet war. An den Wänden waren überall Rostflecken zu sehen und an einer Wand gab es eine verdreckte Tür. Kim stand hektisch auf, verlor ihr Gleichgewicht und taumelte gegen die Wand. Der Aufprall verursachte ein blecherndes, hohles Geräusch. Die verostete Oberfläche der metallenen Wände kratzen an ihrem Pyjama. Fragen rasten durch Kim`s Kopf. Was ist das für ein Ort? Wie ist sie hierhergekommen? Wurde sie entführt? Sollte letzteres der Fall gewesen sein, so würde mit Sicherheit jemand kommen, um nach ihr zu sehen. Vielleicht aber auch, um andere Dinge mit ihr zu tun.
Kim geriet in Panik und fasste sich an den Kopf. “Verlier`jetzt nicht die Beherrschung,” flüsterte sie zu sich selbst. “Verlier`jetzt nicht die Beherrschung, bitte.” Mit ihrer Hand massierte sie ihre pochende Schläfe und versuchte nachzudenken. Der einzige Gedanke, der ihr impulsiv in das Gehirn geschossen kam und dem sie sofort nachging, war zu überprüfen ob die Tür abgeschlossen war. Vorsichtig drückte sie die Klinge runter, ihre Hände zitterten. Wenn sie sehr leise sein würde, könnte sie vielleicht unentdeckt bleiben. Zu ihrer Überraschung ließ die Tür sich öffnen. Kim machte sie nur einen kleinen Spalt breit auf und versuchte durch diese schmale Öffnung etwas zu erkennen.
Das einzige, was sie sah, war Dunkelheit. Kim wagte es die Tür noch ein wenig mehr zu öffnen und konnte nun einen schwachen Lichtschein erkennen, der von einer weiteren, in größerer Entfernung liegenden Tür auszugehen schien.
Kim blieb in dieser Position und machte nicht die geringste Bewegung, den Blick fest auf diesen Lichtschein gerichtet. Sie hatte nun zwei Möglichkeiten: Entweder sie würde die Tür wieder schliessen und sich in dem Raum verkriechen oder sie würde all ihren Mut zusammemnehmen und sich langsam durch die Finsternis zu dem Licht tasten. Würde sie in dem Raum bleiben, könnte es sein, dass bald jemand kommen würde. Das könnte auf der einen Seite ihre Rettung bedeuten, denn mit Sicherheit wurde schon nach ihr gesucht und verschiedene Behörden haben sich bereits eingeschaltet. Kim hatte aber keine Ahnung, wie lange sie geschlafen hatte geschweige denn wieviel Zeit sie schon in dem metallenen Raum verbracht hat. Sie fühlte sich nicht müde, was nicht zu bedeuten hat, dass die Entführung schon mehrere Stunden her ist. Sie könnte ebensogut wenige Minuten nachdem sie zu Bett gegangen ist hierher verschleppt worden sein. Sie war nur gerade jetzt hellwach, weil sie in einer absoluten Notsituation aufgewacht war. Was könnte geschehen, wenn sie den Raum verlassen und den Ausgang suchen würde? Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass wenn sie von dem Entführer – oder vielleicht waren es auch mehrere – entdeckt wird, ums Leben kommt oder zumindest verletzt werden würde. Eine Person würde mit Sicherheit in der Nähe sein, irgendjemand musste Wache schieben. Wenn aber dieser jemand schlimmere Absichten hatte als ein bloßes Lösegeld zu verlangen, würde Kim für ihr Leben lang Schäden davontragen.
Und es würde Schmerzen bedeuten.
Kim hasste Schmerzen. Natürlich empfindet jeder Mensch es als unangenehm, aber bei ihr reichte der bloße Schnitt in den Finger zur Todesangst. Es ist nicht das Blut das aus der Wunde quillt, sondern dieses pochende, stechende Gefühl der Verletzlichkeit das augenblicklich eintritt. Die Welt hatte lange, scharfe Zähne, und sie konnte jederzeit zubeißen. Machmal ist es besser, einfach wegzulaufen. Wenn eine kleine Wunde sie schon quälte, wie wäre dann erst ein Vergehen an ihr?
Dieser Gedanke veranlasste Kim zu der eindeutigen Entscheidung den Weg in das Freie zu suchen. Sie tastete sich schleichend und gebückt zu dem Lichtschein voran, ausser dem sie nichts erkennen konnte. Der Boden fühlte sie ebenfalls rauh an, wilde Strukturen pressten sich mit jedem Schritt in die Hornhaut ihrer nackten Füsse. Durch die völlige Dunkelheit um sie wäre ein Angreifer bestens getarnt gewesen. Der Gedanke daran ließ ihr Herz schneller schlagen, wagte es nicht sich umzudrehen. Die Wucht mit der das Blut durch ihre Adern gepumpt wurde wirkte sich erneut pochend auf ihre Schläfe aus. Reflexartig wollte Kim wieder daran reiben, aber sie ließ ihren Arm wieder runter, um im Gleichgewicht zu bleiben und nicht nach vorne zu fallen. Sie ließ das Licht nicht aus den Augen. Mit jedem Schritt kam es näher, aus einem Impuls heraus beschleunigte sie ihre Schritte.
Und dann erlischte es.
Absolute Schwärze.
Kim blieb das Herz in der Brust fast stehen, wie erstarrt fixierte sie den Punkt, an dem noch gerade eben der Lichtschein zu sehen war. Es wäre nicht mehr weit gewesen, nur noch wenige Meter. Ein seichter Windzug streichelte ihr zum Trost das Gesicht. Steh mir bei, flüsterte sie zu Gott. Ich kann dir nicht helfen, flüsterte Gott in ihren Gedanken zurück. Solange Kim ihre Hand vor Augen nicht sah, wagte sie es nicht sich vorwärts zu bewegen. Irgendjemand musste das Licht ausgemacht haben, jemand hatte sie entdeckt und würde sie nun im Dunkeln versuchen zu überlisten. Kim bildete sich schon ein, jemanden hinter sich atmen zu hören, da ging das Licht flackernd wieder an. Ein flüchtiges Lächeln flog über ihr Gesicht, und just in dem Moment, in dem sie den nächsten Schritt machte, wurde auch der Gang, wie sie nun erkannte, durch Halogendeckenlampen erhellt. Die plötzliche Helligkeit brannte fast in Kim`s Augen, sie hielt sich zum Schutz die Hand vor das Gesicht. Nach ein paar Sekunden konnte sie wieder einigermaßen sehen, verwirrt betrachtete sie die Umgebung, mit dem Gedanken im Kopf, dass irgendwo ein Angreifer verborgen sein konnte.
Auch in dem Gang, der zu beiden Seiten so lang war, dass sie ein Ende nicht sehen konnte, schienen die Wände aus Metall zu sein, übersäht mit braunen Rost, der an manchen Stellen sogar so aussah wie getrocknetes Blut. Überall waren Gemälde mit Holzrahmen angelehnt, völlig unangeordnet. Manche wurden quer hingestellt, manchmal wurden mehrere an eine Stelle gelegt, anderswo waren welche mit kaputten Rahmen zu finden. Die Abbildungen zeigten Bilder von Toten; ein Junge, der mit einem unnatürlich verrenktem Hals auf einem Asphaltweg lag, neben ihm ein zerrupfter Teddybär. Auf einem anderem Bild eine Frau in einem Liegestuhl, deren Kehle von einem Ohr bis zu anderen aufgeschnitten war. Kim hatte noch nie solche grausamen Gemälde gesehen. Welcher Geisteskranke würde soetwas malen?
Kim konnte nun auch zum ersten mal sehen, auf was sie eigentlich lief. Es war eine Art Gitter, auf dem an manchen Stellen willkürlich Metallplatten befestigt waren, ebenfalls verrostet. Sie versuchte angestrengt zu erkennen, was unter dem Gitter zu sein vermochte, doch sie erkannte nichts. Die Wände gingen unter dem Boden weiter, aber Kim konnte beim besten Willen nicht sehen, was unter ihr war. Obwohl das Licht von der Decke sehr stark war, sah sie dort unten nur Dunkelheit. Ein weiterer Luftzug ließ Kim frösteln, diesmal war er stärker und schien von unten, aus dem scheinbaren Nichts zu kommen.
Kim trat durch die Tür, die so aussah, als wäre sie aus den Ankern gerissen und an die Wand geschleudert worden, und fand sich in einem weiteren, endlos erscheinenden Gang wieder, in dem links und rechts in regelmäßigen Abständen weitere, jedoch weitesgehend unbeschädigte Türen zu finden waren. Sie ging den Gang entlang um die Türen zu prüfen, die erste Vermutung einer möglichen Entführung verfiel angesichts dieses merkwürdigen, unangenehmen Ortes, den sie nicht einzuordnen wusste, immer mehr der Bedeutungslosigkeit. Obwohl sie nirgendswo Lichtschalter finden konnte, erlisch manchmal das Licht für einige Augenblicke ohne einen bestimmten Interwall. Ab und zu konnte Kim ein dröhnendes Geräsuch aus weiter Ferne hören, dass von einer Maschine, einem Motor zu kommen schien. Nach einer Zeit beachtete sie es fast nicht mehr.
Die ersten Türen waren abgeschossen, durch das Schlüsselloch konnte Kim entweder nur Dunkelheit oder eine weitere braune Wand erkennen. Einen Ausgang musste es geben, dachte sie, egal wie sonderbar Gebäude sind, einen Ausgang gibt es immer, vielleicht hinter einer von diesen Türen. Tatsächlich erreichte sie irgendwann eine Tür, die nicht abgeschlossen war und trat in einen sehr schwach beleuchteten Raum ein. Im Gang wurde es wieder dunkel und Kim konnte nun deutlich erkennen, dass die Quelle des schwachen Scheins eine Kerze auf einer Kommode war, die durch ihren eigenem, ringsherum herruntergeronnenen rotem Wachs fest stehen konnte. Daneben stand ein Glas mit Tabletten, ein paar von ihnen lagen verstreut wie kleine Perlen auf der Kommode und auf dem metallenen Boden herum. Kim wollte gerade einen Schritt auf sie zu machen, als aus dem Schatten eine Person trat.
Kim fuhr zurück. Für einen Moment lang stockte ihr Atem.
Dann realisierte sie langsam, dass diese Person kein Interesse an ihr zu haben schien. Das Gesicht war abgewand, gekleidet war sie in einem Schlafanzug ähnlich wie Kim es war. Lange rote Haare waren zu einem Zopf zusammengebunden; vor ihr musste ein Mädchen stehen oder vielleicht auch eine junge Frau. Ihr Körper wahr schlank soweit man es an der Kleidung erkennen konnte. Kim wollte etwas sagen, brachte aber, noch überwältigt von der Überraschung, ein weiteres Opfer zu finden, nur einen kaum hörbaren, krätzigen Laut von sich. Das Mädchen begann in den Schubladen der Kommode etwas zu suchen und hielt schließlich ein kleines Messer in der Hand, eins von dieser Sorte, die man in der Küche zum Schneiden von kleineren Gemüse benutzen würde. Kim beobachtete gebannt, wie die Gestalt vor ihr das Messer genau betrachtete, die saubere Klinge glänzte im schwachen Schein.
Und dann setzte sie das Messer an ihr Handgelenk und schnitt sich tief in das Fleisch. Kim erschrak, ihre Hand fuhr vor den Mund, um den Schrei zu unterdrücken, der von innen mit seinen Fäusten gegen ihren Brustkorb hämmerte. Sofort quoll Blut aus der Wunde, in dem schwachen Kerzenschein sah es aus wie flüssiges Teer. Sie setze das Messer erneut an, um wieder durch dieselbe Stelle zu schneiden, als wolle sie sichergehen, die Pulsader auch wirklich aufgerissen zu haben. “Nicht!” schrie Kim, als würde es irgendetwas nützen und machte einen Satz nach vorne, griff nach der mädchenhaften Gestalt, fuhr sie herum und sah ihr Gesicht.
Ihr eigenes Gesicht.
Mit blutunterlaufenen, aufgerissenen Augen starrte das Mädchen Kim an, während das Blut aus ihrer Wunde auf den Boden tropfte. Die Lippen waren aufgebissen, das Gesicht bleich. Speichel floss langsam aus dem Mundwinkel, in ihm Fragmente von angekauten Tabletten.. Es war, als würde Kim in den Spiegel schauen. Wer auch immer diese bemitleidenswerte Gestalt war, sie sah ihr so verdammt ähnlich, dass Kim zunächst regungslos stehenblieb. In der Ferne ertönte wieder dieses drönende Geräusch. Dann Stille.
“Geh` aus meinem Kopf.” flüsterte das Gegenüber. Ihre traurigen, mitgenommenen Augen wirkten hypnotisch. “Geh` aus meinem Kopf.” wiederholte es nochmal.
Kim starrte entsetzt und verwirrt zugleich einfach nur zurück. Das Mädchen lies das Messer auf den Boden fallen und schlug sich mit der blutverschmierten Faust immer wieder auf den Kopf, biß die Zähne aufeinander, bis sie mit schriller Stimme schrie: “Aus meinem Kopf, aus meinem Kopf, aus meinem Kopf!”.
Kim stolperte vor Schreck zurück und fiel mit dem Rücken an die Wand. Ihr Spiegelbild kniete nun vor der Kommode und stieß immer wieder ihren Kopf dagegen. Sie hörte nicht auf ihre Worte zu schreien. Von einer plötzlichen Panik ergriffen tastete Kim verzweifelt im Dunkeln nach der Tür, fand sie und stürzte in den finsteren Gang hinein, der wie durch einen geheimen Wunsch wieder erhellt wurde. Hinter ihr schlug das Mädchen immer noch fürchterlich schreiend den Kopf auf die Kommode, Kim griff hastig zur Tür und schlug sie zu. In Tränen ausbrechend sank sie vor ihr auf die Knie, das schmerzhafte Pochen kehrte wieder. Kim hatte nicht die Kraft um an ihrer Schläfe zu reiben.
Was zum Teufel war das, dachte Kim. Hinter der verschlossenen Tür konnte sie das stumpfe Klopfen hören. “Was zum Teufel war das?” schrie sie in den Gang hinunter, ihr Echo wiederholte ihre Frage ein paar mal. Schluchzen.
Mit ihren durch Tränen verschwommenen Blick bemerkte sie ein wenig weiter von ihr etwas auf dem Boden. Als sie näher kroch, sah sie dass es ein Briefumschlag war, auf dem mit blauer Tinte ihr Name geschrieben stand. Mit zitterigen Händen riß Kim den Umschlag auf und holte das sorgfältig gefaltete Papier heraus, aus dem ein kleiner Notizzettel zu Boden fiel. Sie laß zuerst die Worte auf dem gefalteten Zettel:
“Als das Lamm sich aus reiner Furcht vor dem Wolf mit den großen, scharfen Zähnen selbst umbrachte, hat dieser nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: >Die Angst vor mir kreiiert auch Angst vor dem Leben.< und fraß die Leiche mit Haut und Haaren.”
Es war ihre eigene Handschrift. Kim nahm den Notizzettel. In schwarzen Grossbuchstaben stand dort geschrieben:
“DAS IST MEINE HÖLLE.”
Eine Träne tropfte auf das kleine Blatt und verwischte die Schrift. Ihre Hand verkrampfte, fast zerriß sie mit ihren Fingernägeln den Zettel. Dann rannte Kim. Sie rannte wie sie es schon immer getan hatte, aber kümmerte sich diesnal nicht darum, dass sie sich ihre nackten Füsse auf dem Metallboden möglicherweise verletzen konnte, kümmerte sich nicht darum, dass ihr der Rotz aus der Nase lief und sie ihre heißen, salzigen Tränen schluckte, kümmerte sich nicht darum, wohin sie eigentlich lief. Einfach nur den Gang hinunter, einfach nur weg. Weg von dem Spiegelbild, dass sich Schmerzen zufügte. Weg von dem Schmerz. Und als ihr Atem in den Lungen brannte wie Feuer, rannte sie weiter, begleitet von dem Dröhnen in ihrem Kopf, von der Maschine in der Ferne, getragen von dem stummen Schrei der kalten Luftzüge.




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Details zur Fan-Fiction:
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Silent Hill-Serie
Art des Werkes:
Kurzgeschichte
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²sh¥
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http://www.frightening.de
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Eingetragen von ²sh¥. | 22 Juli, 2006 - 02:52
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