Dead Road 7
1. Polar Gas
Wenn du sich für mehrere Stunden Auto fährst, fällt dir alles auf. Ein weit entfernt stehendes Haus, eine Weide wo Kühe grasen, Werbung für Touristenfallen und jedes verdammte Schlagloch, über das du fährst! Mir fiel vor allem die Geschwindigkeitsbegrenzung auf: 80mp/h (130km/h). Von wegen „Freeway“!
Ich war seit acht Uhr an auf den Beinen. Um halb zehn war ich von Tashville, einem Kaff in Nebraska weiter gezogen, über den 58. Ich hatte einige CDs im meinem Scorpio, aber keine Lust auf Musik. Mein Radio lief, ich summte ein wenig zum Song mit. Ich wollte nur noch nach San Francisco. Vielleicht hätte ich doch die Bahn nehmen sollen.
Langsam veränderte sich die Landschaft. Sie wurde trockener, es wurde wärmer. Ich erreichte Utah. Am späten Nachmittag erreichte ich Nevada.
Nachdem ich von der 58. auf den Interstate 80 gewechselt hatte, wurden die Straßen immer einsamer und sie verzweigten immer mehr. Ein Schild kündigte die Road 7 an.
Es war unmenschlich heiß, aber ich bekam keinen Durst. Nach einer Weile fuhr ich an einer Tankstelle vorbei, die man in der platten Einöde schon von weitem sehen konnte. Die Tafel mit den Benzinpreisen war stark beschmutzt. Auf der Preistafel drehte sich ein Eiskristall. Darunter stand noch gut lesbar ‚Polar Gas’.
Ich hatte vor ein paar Stunden bei Tashville aufgetankt, also fuhr ich weiter. Nach wenigen Metern folgte bereits die nächste Tanke. Ich wunderte mich: Zuerst nur Pampa und jetzt folgten gleich zwei Tankstellen auf einmal.
Fuhr ich auf eine Stadt zu? Dann hätte ich aber Ortschilder gesehen. Und die Karte zeigte die nächste Stadt erst in ca. einer Stunde. Ich fuhr an der Tankstelle vorbei, da erschien vor mir die nächste. Was zum…? Ich rauschte dran vorbei, da! Ich bremste. Durchatmen, die Hitze tut einem wie mir von der Ostküste nicht gut. Ich blickte in den Rückspiegel: Wüste. Ich hab mir das nur eingebildet, ich fahre schließlich seit 8 Stunden durch. Ich lies den Motor an und fuhr weiter. Ich behielt hierbei die Tankstelle über den Rückspiegel im Auge. Sie verschwand langsam, wurde in der Ferne immer kleiner. Ich richtete meinen Blick wieder nach vorne. Da war sie wieder.
Ich bremste. Durchatmen, Was ist hier nur los? Ich nahm einen Schluck von meinem Piss-warmen Mineralwasser, ohne Kohlensäure.
Ich musste den Kopf frei kriegen, ja das war das Beste was ich tun konnte. Genau, ich steig aus, und hol mir was Neues zu trinken. Ich hielt an einer Tankstelle und stieg aus. Schatten, angenehme Kühle. Ich betrat den Laden der vor allem im hinteren Bereich nur mäßig beleuchtet und durch die Regale recht eng. Ich fröstelte kurz, denn mir schlug ein kühler Luftzug entgegen, der auf dem Tresen stand.
Ich entdeckte den Typen hinter dem Tresen nicht sofort. Er sah fern, irgendein Actionfilm. Er nuschelte irgendwas auf mein „Hi“. Ich ging zur Kühltheke. Angenehm kühl, das Ding musste einiges an Saft fressen. Ich nahm mir eine Flasche Mineralwasser und einige Kühlelemente für meine Kühlbox. Der Typ an der Kasse kaute lässig ein Kaugummi und hatte die Beine auf der Fensterbank.
„Sagen sie, wann erreiche ich die nächste Stadt. „Daleston kommt gleich hinter der Erhebung. In einer Stunde müssten sie da sein.“ Er tippte die Wasserflasche ein. „Woher kommen Sie?“ „Chicago.“ „Und wohin soll’s gehen?“ „L.A, Aber ich will in Daleston Rast machen.“ „Kurz vor der Stadt gibt’s ein Motel. Da übernachten sie günstiger. Das Wasser kostet vier Dollar“ Wucher! „Danke.“ „Viel Glück, nehmen Sie keine Tramper mit.“ „Ist das hier illegal?“ „Nein, aber genug Verrückte.“ Er blickte aus dem verstaubten Fenster. "Diese Gegend..." „Okay, danke.“ Er hockte sich wieder vor die Glotze. Langsam konnte ich wieder klare Gedanken fassen.
Als ich schließlich draußen stand und gerade einsteigen wollte musste ich pissen. Ich hatte über zwei Stunden nicht gemusst, und jetzt kam alles auf einen Schlag. Ich stolperte in den Laden zurück. „Sorry, könnte ich ihre Toilette benutzen? Bitte.“ Er grinste mich dämlich an, auf seinem Namensschild stand Sam. „Gehen sie hier durch dann rechts den Flur entlang durchs Schlafzimmer, draußen im Hinterhof finden sie das Scheishaus.“ Er gab mir einen Schlüssel. Ich ging durch die Hintertür in einen dunklen, engen Flur. Ich hörte wie vorne ein Wagen vorfuhr. Die Hintertür war nicht abgeschlossen worden.
Ich betrat den Hinterhof, und lief sofort zum Klo, eine kleine Betonhütte. Drinnen stank es, als habe ganz Nevada drauf gesessen. Der Hahndrang besiegte meinen Ekel, ich hockte mich drauf. Es kam nichts. Plötzlich schrie jemand laut auf. Dann fiel ein Schuss, der mir durch Mark und Bein fuhr. Ich war Starr vor Schreck, was war das, hab ich mir das nur eingebildet? Es war totenstill draußen, ich wagte nicht zu atmen. Ich verließ die Toilette mit weichen Knien. Langsam schlich ich zum Hintereingang, ich schob die Tür auf, es war zu meinem Unglück ein lautes Knarren damit verbunden. Geräuschlos schlich ich mich an der Wand zum Verkaufsraum vor. Ich blickte über die Tür. Der Tresen war leer geräumt, die Kasse war zu Boden geworfen worden, Der Fernseher hing am Stromkabel am Tresen hinunter und rauschte vor sich hin. Er fiel nach unten und implodierte. Das Surren der Kühlanlage legte sich drückend auf meine Ohren.
Plötzlich stöhnte jemand laut auf. Ich näherte mich dem Türrahmen. Es war Sam, der in einer Blutlache lag. Ich lief zu ihm, er hatte einen Bauchschuss bekommen und verzog das Gesicht vor Schmerzen. „Oh mein Gott.“ Mehr bekam ich auch nicht raus. Er wollte etwas sagen, aber er brachte keinen Ton raus. Ihm standen die Tränen in den Augen. In diesem Augenblick wurde ein weiterer Schuss abgefeuert, Schrotkugeln trafen das kleine Bord hinter dem Tresen, es fiel von der wand auf mich drauf . Ich kauerte auf den Boden, der Geruch von Blut und Urin stieg mir in die Nase. Langsam lugte ich über dem Tresen hervor, es war nichts zu sehen. Das Licht war aus, und es war nun noch dunkler als vorher, denn die Fenster waren völlig verdreckt. Nichts war zu sehen, nur die Kühltruhe war ein leichtgrünes Licht auf den Hinteren Gang, der durch die Regale versperrt war. Ich fuhr wieder nach unten. Sam musste hier doch irgendwo eine Waffe haben. Ich sah den armen Kerl an. In einer Schublade fand ich eine Magnum, aber kein Magazin. Scheise, Scheise, Scheise!
Es half nichts, ich musste hier raus! Ich schaute erneut hinter dem Tresen hervor und fühlte mich wie auf dem Präsentierteller. In diesem Augenblick hörte ich leise Schritte über dem Holzboden. Ich nahm die Beine in die Hand und rannte zur Vordertür. Man schoss auf mich, ich warf mich auf den Boden neben der Tür und kauerte dort. Der Schütze hatte die Tür getroffen, Licht kam aus den Einschusslöchern. Unverletzt kauerte ich am Boden und robbte zum Ende des Regals mit Magzinen. Die Schritte verstummten, ich hielt den Atem an und erhob mich in die Hocke. Jemand räumte ein Regal aus, Dosen fielen auf den Boden. Zwei Reihen vor mir lief rollte eine Dose aus dem Gang, der Mörder war also zwei Reihen vor mir. Wieder ertönten Schritte. Er war nun am Tresen.
In der Hocke schlich ich mich zur Kühltruhe. In diesem Augenblick rollte eine der Dosen gegen die Kühltruhe, was ein leises, dumpfes Geräusch erzeugte. Die Gestalt am Tresen drehte sich um. Ich wusste nicht ob er mich gesehen hatte, bestimmt nicht, denn Sie schoss erst auf mich, als ich aufstand und zur Wohnungstür sprintete.
Keine der Schrottkugeln traf mich, die die Tür, die ich zuschlug, zerfetzte. Ich kam gerade noch hinter die Ecke, da hörte ich ihn den Flur entlang kommen. Gerade als er um die Ecke kam, gab ich ihm einen Kinnhaken, der ihn zu Boden riss, ich wollte sein Gewehr, doch er trat mir mit voller Wucht in den Magen, worauf Ich mich auf ihn stürtze und auf ihn einschlug, da warf er mich von sich. Ich trat das Gewehr weg, ehe er es aufheben konnte. Er stand und zückte ein Messer, Ich rannte ins Schlafzimmer wo er wild vor mir rumfuchtelte. Ich wich ihm aus, er schlitzte meinen Ärmel auf. Das Messer blitzte auf. Ich versuchte nach ihm zu treten, als ich hinter mir eine Kommode ertastete und fasste eine Glasschale. Ohne zu überlegen schlug auf ihn ein. Wir lagen uns nun fast in den Armen, ich hörte seinen Atem in meinem Ohr. Er versuchte mir das Messer in den Rücken zu rammen, doch ich löste mich von ihm, rannte den Flur entlang in die Küche, wo ich mir ein Messer aus dem Messerblock schnappte und auf ihn wartete. Es wurde still.
Ich würde so lange hier stehen bleiben, bis er käme. Er würde jetzt im Hinterhalt auf mich warten und mich hinterrücks abstechen.
Mir fiel die Schrottflinte ein. Genau in diesem Moment kam er um die Ecke. Ich ging sofort auf ihn los und traf ihn in der Schulter, er stöhnte leicht, wich zurück und verschwand auf dem Weg ins Schlafzimmer. Ich ging ihm langsam hinterher und konnte ihn ächzen hören. Auf dem Boden lag seine Schrotflinte. Ich hob sie auf, als er gerade wieder um die Ecke kam. Ich lud nach und erschoss ihn.
Er fasste sich an den Bauch und sackte zusammen. Ich keuchte, mein ganzer Körper war angespannt. Er war überall getroffen worden, ins Gesicht, in den Hals, in die Brust und am Unterleib. Langsam färbte sich sein blaues Holzfällerhemd dunkel, unter ihm entstand eine Blutlache, das Blut versickerte im Dielenboden. Ich erbrach. Mir war schwindelig und übel. Da ich seit mehreren Stunden nichts gegessen hatte, erbrach ich Gift und Galle, hielt mich an der Wand fest. Ich zitterte und starrte seine Leiche an.
Ich hatte ihn umgebracht. Aber ich meine, was hättest du denn getan? Zum Auto hätte ich es niemals geschafft, er hätte mich vorher erschossen. Reden? Glaub mir, ich bin Pazifist, aber was hätte ich sonst tun sollen?
Ich blieb nur noch kurz neben ihm stehen. Er war definitiv tot. Das Blut rann den Flur entlang, entwich zwischen dem Dielenholz. Ich sah kurz nach Sam, dem Wart, doch ihm war nicht mehr zu helfen. Anfassen wollte ich ihn nicht, nicht seinen Puls fühlen, nicht gucken ob sein Herz noch schlug. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ich war verwirrt.
Dann saß ich endlich wieder im Auto. Ich legte das Gewehr auf die Rückbank. Ich drehte den Schlüssel. Ich löste die Handbremse. Ich trat aufs Gaspedal. Ich schaute in den Rückspiegel und sah "Polar Gas". Sie wurde immer kleiner. Hinter der nächsten Düne war Sie verschwunden.
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So...jetzt dürft ihr mich gerne in der Luft zerreisen 
Ich bin mit diesem ersten Kapitel sehr zu frieden. Wenn es euch gefällt, werde ich bald die nächste Episode reinstellen.
Das nächste Kapitel heißt "Stahlhütte". In diesem Teil wird der Protagonist erläutert, wer er ist und wohin er will. Dieses Kapitel ist wesentlich kürzer aber schwerer zu schreiben.