Der Regisseur Genya Tachibana und sein Karamann besuchen die alte Chiyoko Fujiwara, die in den 30er-Jahren zu einer gefeierten Schauspielerin heranwuchs, jedoch auf dem Höhepunkt ihrer Karriere urplötzlich ihrer Laufbahn beendete und sich in ein abgelegenes Landhaus verzog. Nun wird das Produktionsstudio, in dem Chiyoko ehemals gearbeitet hat, abgerissen und Tachibana möchte zu diesem Anlass eine Dokumentation über sie drehen und dafür ein Interview führen. In diesem durchlebt die Frau mit ihren Interviewpartner nochmals die Vergangenheit. Sie tauchen ein in die Geschichte Japans, in die Filme Chiyokos und erfahren, dass sie als Mädchen auf einem politischen Flüchtling stiess. Diesen verlor sie aus den Augen, bekam aber vom im einen Schlüssen, zu dem er sagt, er wäre für "das Wichtigste, was es gibt". Schon bald ist Chiyoko davon besessen ihrem mysteriösen Geliebten wiederzusehen ...
Satoshi Kon darf sich schon jetzt auf die Bank der großen Animationskünslter Asiens setzen, obwohl er bisher "nur" drei Filme und eine Serie erschaffen hat. Sein erster Film hat das festgebrannte Bild, dass auf dem Anime lag, schlagartig verändert. "Perfect Blue" war keine wirre Geschichte um irgendwelche Mega-Roboter oder Kinder, die Kriegen führen. Es gab keine Albernheiten, keine abgefahrenen Figuren oder bizarre Fantasy-Elemente. Der Film war ungewohnt ernst, wirkte bedrückent realistisch und erzählte eine Psycho-Thriller-Geschichte, die manche Spielfilme sogar überbot. Kritiker feierten "Perfect Blue" als den "Hitchcock in Zeichentrickform". Auch wenn ich mit Lob bei diesem Film vorsichtig bin (weil ich den finalen Part nicht besonders gelunen finde), war ich beeindruckt davon, wie Kon geschickt Fiktion und Realität vermischte. Der Film erforderte Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit, um sich in eine düstere und verstörende Geschichte einzufinden.
Sein zweiter Film "Millennium Actress" ist weder düster noch verstörend. Im Gegenteil: Er vermittelt Hoffnung und Wärme, plädiert für den Kampf des reinen Herzens und lässt den Zuschauer zwar mit einer, aber immerhin optimistischen Träne zurück. Der eigentliche Kern - Ex-Schauspielerin erzählt von ihrer Jagd nach der grossen Liebe - ist so simpel wie treffend und macht den Film nicht nur wegen der Reise durch die Zeit- und Filmgeschichte zu einer großartigen Allegorie auf Hoffnung.
Egal wie viele Filme man vorher gesehen hat: Auf "Millennium Actress" kann man vor allem dramaturgisch nicht vorbereitet sein. Kon steigert die erzähltechnische Komplexität von "Perfect Blue" und wechselt virtuos und ohne lange Erklärungen zwischen den Realitäten, Meta-Ebenen, Rückblenden und Filmen hin und her. Das ist sicherlich gerade zu Beginn nicht einfach, gerade weil dadurch das Erzähltempo bzw. die Dynamik unglaublich sind, aber so entwickelt sich ein Rausch, dem man sich kaum entziehen kann. So ging es jedenfalls mir.
Viele Details werden gerade in der ersten Hälfte des Films verwirren, aber wenn zum Ende hin nach und nach Dinge aufgeschlüsselt werden, macht der gesamte Film erstaunlich viel Sinn. Ebenfalls verwunderlich ist, dass Kon es trotz des hohen Tempos und der fehlenden klassichen expositionellen Charakterisierung schafft, vor allem zum Schluss Gefühle für seine Figuren zu wecken.
In diesem Film steckt viel Liebe. Liebe zum Kino, liebe zur Hoffnung, und die reine Liebe an sich, die nicht auf Chiyoko fixiert, sondern allgemeingütlig übertragbar ist. Der Film ist die Suche und die Antwort und gleichzeitig die Frage nach dem "Wichtigstem, was es gibt".
Liebe Animehasser und westliche Filmfreunde: Falls ihr den Film seht, schaut ihn Euch bitte bis zum Schluss an, auch wenn einige Dinge zu Beginn gerade aus westlicher Sicht verwirrend findet. Mich persönlich hat der Film sehr berührt ... und das haben wahrlich bisher nicht viele geschafft.
Übrigens: Die deutsche Syncro ist wirklich okay. Im japanischem Original kommen die Stimmen einen Tacken besser zur Geltung, aber das deutsche Übersetzerteam hat durchaus eine so gute Arbeit geleistet, dass man ihn sich auch ohne gelbe Untertitel antun kann