Last Life in the Universe
Originaltitel: Ruang rak noi nid mahasan (Übersetzt: Eine Liebesgeschichte mehr oder weniger)
Es gibt nicht viele Menschen, die Ruhe und Langeweile auseinanderhalten können. Wer dies jedoch aber zu differenzieren weiss und dazu noch ein Fan von asiatischem Kino ist, der sollte sich diesen Film anschauen, sofern er ihn nicht schon gesehen hat.
Kurz zur Story:
Kenji (gespielt von Tadanobu Asano) ist ein sehr unglücklicher und einsamer Mensch. Er wohnt seit geraumer Zeit in Bangkok, Thailand, und arbeitet als Bibliothekar in einer dort angesiedelten japanischen Bibliothek. Er spricht kaum ein Wort Thai, und auch sonst ist er eher ein stilles Wasser wenn es um Kommunikation geht. Sein ganzes Leben besteht aus einer zwanghaften Ordnung, und sobald irgendwo in seiner Umgebung ein Fussel auftaucht, der dort nicht hingehört, wird er penibelst genau weggemacht. In seinem Schrank hat er massenweise die selben Hemden, Hosen, Socken und Schuhe, seine ganze Wohnung erinnert eher an eine sterile Ausstellung auf einer Museumsbesichtigung, als an einen Ort, wo jemand lebt. Trotzdem alles in seinem Leben auf den ersten Blick in Ordnung scheint, ist Kenji so unglücklich, dass er beschliesst, sich das Leben zu nehmen. Durch eine chaotische Verkettung diverser Umstände jedoch, gelingt ihm dieses Vorhaben nie, und eines Tages lernt er durch einen weiteren tragischen Zwischenfall SIE (gespielt von Sinitta Boonyasak) kennen. SIE ist sein thailändisches, chaotisches, kettenrauchendes Gegenstück, und sie beweist mit allen Mitteln, dass sie keinen Wert auf persönliche Ordnung legt. Schimmliges Geschirr stapelt sich bis fast unter die Decke, man muss Bergsteigen können, um sich den Weg von Wohnzimmertür bis zum Sofa zu bahnen und da es kein sauberes Geschirr mehr gibt, ernährt sie sich seit geraumer Zeit nur noch von Instantzeug. Kenji und Noi, so ihr Name, verbringen nur wenige Tage zusammen, und auf ihre eigene, gegensätzliche Art und Weise lernen sie, sich zu mögen. Es wird erzählt über eine Bekanntschaft, in der die Vergangenheit des Einzelnen keine Rolle spielt, in der das Schweigen mehr dominiert, als das gesprochene Wort, und in der die Kommunikationsbarrieren das Zusammensein immer faszinierender machen, denn Kenji spricht kaum Thai und Noi kaum Japanisch. Beide versuchen sich in noch schlechterem Englisch und nicht zuletzt wird die Sprache in dem Film gänzlich zweitrangig.
Dieser Film erinnert stellenweise sehr an Takeshi Kitanos "Dolls", was seine unbeschreibliche Ruhe betrifft, jedoch ist er ein eigenes, kleines, unbekanntes Meisterwerk, das den Zuschauer voll und ganz in einen Strudel von Emotionen reisst, der noch sehr lange nachklingt.
An der Kamera hat Christopher Doyle, ein wahrer Künstler, wirklich grosses geleistet und er bietet dem Zuschauer Bilder, die einem noch lange im Kopf bleiben werden. Von der wunderschönen Landschaft Thailands bis zu kurzen Momentaufnahmen eines völligen Stillebens. Untermalt werden diese Bilder mit dem fantastischen Soundtrack, komponiert von Hualampong Riddim, der von Regisseur Pen-Ek Ratanaruang den Auftrag bekommen hatte, einen musikalischen Score für diesen Film zu machen, von dem der Zuschauer nicht merkt, wann er anfängt, oder wann er aufhört.
Hualampongs Musik unterstreicht dieses kalte Gefühl von Leere und Einsamkeit, welche Kenji empfindet, und man selbst wird gerade durch diesen Soundtrack selbst in eine alles verschlingende Isolation katapultiert. Die Welt färbt sich in eine geräuschlose, steril-blaue Kulisse, die an dir vorbeirauscht und keine Notiz von dir nimmt. Die Musik ist erdrückend, belastend, liegt schwer auf deiner Seele und macht dich zum einsamsten Menschen auf der Welt, in dem kein Gefühl mehr Platz hat, ausser diese steril-blaue Leere, die in unendlich langsamer Zeitraffer dein Innerstes mit ebenso steril-blauer Kälte erfüllt.
Noch was in eigener Sache:
Die Sache mit der "Liebesgeschichte" wird leider sehr schnell falsch verstanden und in die Akte "Kitsch" abgelegt. So ist das defintitiv NICHT! Ihr werdet in dem Film keine gebräuchlichen Szenen vorfinden, die auch nur irgendwie andeuten würden, dass es sich um eine Liebesgeschichte handelt. Es ist dem Zuschauer überlassen, ob er das nun denkt, oder nicht. Deshalb ist der thailändische Originaltitel für den Film so passend "Eine Liebesgeschichte MEHR ODER WENIGER)...
Ich kann euch diesen Film nur wärmstens ans Herz legen, denn er hat es geschafft, alle meine bisherigen Lieblingsfilme sofort in den Schatten zu stellen und noch über den ersten Platz hinaus zu schiessen. Einen so wunderschönen und doch menschlich-realistischen Film gibt es nicht nochmal. Er ist nicht perfekt, aber er ist perfekt in seiner Imperfektion! Und genau das ist die grosse Kunst an Last Life in the Universe. Ich liebe diesen Film, ich liebe ihn so sehr, dass er mich jedesmal zum weinen bringt, und ich nichtmal weiss, warum.