Das Leben hat nicht viel übrig für Susan Ashworth. Sie musste schlimme Dinge erleben und eine ganze Reihe von Menschen, von denen sie dachte sie seien ihre Freunde, sind ihr in den Rücken gefallen. Susan verlässt ihre Wohnung kaum; wundert sich, weshalb sie sich überhaupt ankleidet. Für wen? Es gibt niemanden mehr in ihrem Leben, die Gegenwart von anderen, womöglich sogar glücklichen Menschen, macht ihr eigenes Versagen nur noch bewusster. Sie hat gelernt wegzuschauen, gleichgültig zu sein, abzuschließen. Kurz bevor Susan sämtliche vorhandenen Schlaftabletten schluckte, hat sie in dem im Grunde an niemanden gerichteten Abschiedsbrief angemerkt, dass sie nur ihre Katzen vermissen würde. Die einzigen Wesen, denen sie vertraut und die dankbar sind.

The Cat Lady ist kein heiteres Spiel. Das Adventure beginnt mit einem Suizidversuch und markiert damit nur die Spitze des Eisberges: Susan begegnet im Limbus nicht nur zahlreichen Leichen, die genau wie sie aussehen, sondern auch einer mysteriösen alten Dame, die sich selbst die “Königin der Maden” nennt. Sie bietet ihr einen Tausch an: Fünf Menschen, die bisher ungestraft mit ihren Schandtaten davonkamen, soll Susan umbringen. Im Gegenzug lässt die Madenkönigin sie endlich und endgültig sterben.
Es folgt eine Odyssee durch verzerrte Realitäten, Erinnerungen, Traumwelten, Rauschzuständen und Illusionen. Der Spieler kann sich nie sicher sein, ob das Gesehene auch tatsächlich der Wahrheit entspricht. Im Schwebezustand der Verunsicherung trifft Susan mannigfaltige Menschen, die ebenso vom Leben gebrandmarkt worden sind. Nach außen hin stumm wirkende, aber innerlich schreiende, vernarbte Seelen, die im Feuer der Enttäuschung, Isolation oder Schuld brennen. Oder die Opfer von Gewalt geworden sind.

 

Der Designer Remigiusz Michalski fiel bereits mit seinem ersten Adventure Downfall positiv auf. Doch während dieses sich voll und ganz auf eine Horrorerfahrung konzentrierte, ist sein Quasi-Nachfolger The Cat Lady trotz zahlreicher alptraumhafter Elemente eine intensive Charakterstudie seines Hauptcharakters. Susan ist nicht aus reiner Effekthascherei lebensmüde und depressiv. Stattdessen entblößt die Geschichte nach und nach weitere Facetten und zeichnet zunehmend ein nachvollziehbares Bild ihrer Person. Dem Skript gelingen dabei mehrere Kunststücke: Wirkt das Spiel zu Beginn noch sehr verwirrend, so werden die unterschiedlichen Handlungsebenen zunehmend zu einem komplexen Handlungsgerüst zusammengefügt, ohne sich dabei auf Stereotypen oder abgedroschene Wendungen zu verlassen.

Der größere Triumph ist allerdings die Verwebung mit erwachsenen Themen: The Cat Lady spricht unangenehme Dinge an, die in anderen Spielen bestenfalls stiefmütterlich behandelt werden. Obwohl Michalski sein Publikum oft erschreckt, wurden gerade die heiklen Elemente behutsam in das Portrait eingeflochten und mit entsprechenden Respekt behandelt. The Cat Lady ist in vielen Szenen so blutig, dass man diesen ehrlichen Umgang und diese Tiefe kaum erwarten würde. Aus dramaturgischer Sicht ist dieses Spiel trotzdem, oder vielleicht auch gerade deshalb ein absoluter Glücksfall. Der oft schlagartige Wechsel zwischen Melancholie und Wahnsinn macht einen wesentlichen Reiz aus.

Das eigentliche Spiel hält indes nur leidlich mit: Die Rätsel bleiben jederzeit logisch und nachvollziehbar, sind aber mit minimalem Einsatz von Hirnschmalz ohne weiteres überwindbar. Wer schon etwas länger im Genre unterwegs ist, dürfte sich unterfordert fühlen, wenngleich das lediglich über Tastatur steuerbare Interface zunächst etwas gewöhnungsbedürftig ist. Zudem rückt das eigentliche Adventure gegenüber den Gesprächen fast in den Hintergrund. Man kann sich oft des Eindrucks nicht erwehren, eher ein interaktives Hörbuch zu spielen. Interessanterweise wurde trotzdem erheblicher Wiederspielwert generiert: Handlungen gehen je nach Herangehensweise an ein Rätsel oder Auswahl einer Antwort unterschiedlich aus; ganz obligatorisch wirken sich Entscheidungen auch auf das Ende aus. Ein toller Kniff: In manche Gespräche werden die eigenen Erfahrungen des Spielers involviert. Beispielsweise stellt ein Psychiater in einer Sequenz unterschiedlichen Fragen über Susans Kindheit, die das Spiel aber vorher nicht preisgegeben hat. Ergo kann der Spieler sich eine beliebige Antwort aussuchen. Wer mutig ist, nimmt eine, die am ehesten zu seiner persönlichen Vergangenheit passt.

Aus rein technischer Sicht mag die Präsentation zunächst eher dürftig erscheinen: Die steifen Bewegungen der Charaktere erwecken fast ein Eindruck von Wayang-Figuren, manche Szenenwechsel wirken unsauber und die ansonsten erstklassig eingesprochenen Dialoge sind teils von unterschiedlicher Aufnahmequalität.
In Kombination mit der hervorragenden, ambivalenten Beleuchtung und teils expressionistischen Farbwahl entsteht hier ein roher Charme des Ungeschliffenen, der die rauhe Atmosphäre noch greifbarer und schrecklichen Situationen noch verstörender macht. Herausragend ist außerdem die Musik. Vom Solo-Piano zum Jazz über Heavy Metal bis hin zum Grudge: Der Soundtrack von micAmic sowie die Songs von den Alternative-Bands Warmer und Tears of Mars beeinflussen die Spielerfahrung maßgeblich. Dabei beweisen sie Mut, auch in manchen Szenen etwas “Offbeat” zu sein und schaffen es sogar, wesentlich zur Charakterisierung von Susan und der anderen Charaktere mitzuhelfen. Letzteres mag sich profan lesen, ist aber bei heutigen Spielen leider keine Selbstverständlichkeit.

 

The Cat Lady ist ein brillantes, einzigartiges, oft sehr mutiges Spiel. Aber aus eben diesem Grund werden sich auch die Geister daran scheiden. Die strenge Konsequenz und Intensität, mit der es in menschliche Abgründe führt, ist in Form und Inhalt beängstigend und selbstverständlich auch eine Barrikade, die von Menschen aus ganz natürlichen Gründen nicht gerne überwunden wird. Wer aber auf der Suche nach einem erwachsenen Spiel mit einer starken Dramaturgie ist, welches trotzdem eine sehr unterhaltsame Psychohorror-Komponente in sich trägt, ist nun am Ende angelangt. Auf diesem Gebiet wird The Cat Lady vermutlich für lange Zeit für sich allein stehen — spätestens, bis Remigiusz Michalski sein nächstes Spiel entwirft.

Dieser Artikel ist ursprünglich auf superlevel.de erschienen.

The Cat Lady
Verstörend. Berührend. Nachdenklich stimmend. Remigiusz Michalskis Horroradventure lässt zwar in Sachen Gameplay ein paar Wünsche offen und fühlt sich zuweilen selbst für seinen starken Interactive Novel-Charakter eine Spur zu beengt an, doch ist brilliant menschlich und beängstigend geschrieben. Ein großartiges Werk!
audiovisuelle Präsentation9.5
Realisierung der Spielmechanik7.5
inhaltliche Gestaltung und dramaturgische Aufbereitung10
9Gesamtwertung
Leserwertung: (0 Votes)
0.0