In dem Action-Grusler „Nocturne“ übernimmt der Spieler die Rolle des „Stranger“, um gegen Werwölfe, Vampire, Ghoule und anderes dämonisches Gesocks anzutreten. Dabei läuft man nicht nur durch finstere Wälder und zerfallene Burgen, sondern schießt sich auch durch die Lichter der Großstadt Chicago und besucht eine Bergarbeitersiedlung im Süden Amerikas.

1999. Eine kleine amerikanische Firma namens Terminal Reality macht sich ans Werk, die Geschichte von Spookhouse zu erzählen. Spookhouse, eine fiktive Abteilung des FBI, wurde Anfang des Jahrhunderts gegründet, um sich ausschliesslich mit übernatürlichen Vorfällen zu beschäftigen. Übernatürlich rangiert hierbei von „harmlosen“ Geistererscheinungen bis hin zu handfesten Auseinandersetzungen mit Zombies, Vampiren, Werwölfen und etwaigen größeren Manifestationen des Bösen (Ja, größer).
Das Spiel ist in 4 Kapitel aufgeteilt, jedes einzelne eine Geschichte für sich. Die Episoden sind einzeln anwählbar und spielen in verschiedenen Jahren, der rote Faden zwischen den Episoden sind gelegentliche Gespräche im Spookhouse selbst, die aber nur etwas über die Nebencharaktere und sehr wenig über Stranger selbst verraten. Wenn alle vier Akte zuende gebracht sind, wartet noch ein recht kurz gehaltener Epilog auf den gespannten Spieler, der (wie sollte es anderes sein) auf eine Fortsetzung hoffen läßt.

 

Von wehenden Mänteln und Taucherbrillen

Aber nun zum Spielinhalt: Wie bei dem schon etwas älteren Resident Evil läuft der Spieler als der Stranger, einem Typen mit grauem Trenchcoat, Hut und einer etwas merkwürdig aussehenden „Taucherbrille“ durch unterschiedliche Szenarien, in die sich der Stranger aber besser einfügt als Anno dazumal Jill Valentine und Co. . Dies liegt nicht nur an der verbesserten Grafik und der höheren Auflösung, sondern auch an der Engine selbst, die besonders gut mit düsteren Hintergründen zurechtkommt. Abhängig von dem Standort des Stranger wechseln die festen Kameraansichten. Recht ordentlich sind auch die Animationen, wobei einer Sache recht viel Aufmerksamkeit gespendet wurde: Strangers Mantel. Dieser weht munter beim Laufen durch die Gegend und wirft physikalisch nicht immer ganz korrekte Falten, was aber nicht weiter stört; es sieht halt cool aus.

Soundtechnisch ist Nocturne erste Sahne. Zwar sind die Effekte sparsam verteilt, doch bekommen sie dadurch nur noch mehr Wirkung. Man stelle sich vor, man laufe in finsterer Nacht durch einen dunklen Wald, jeden Moment erwartet man, von finsteren Gestalten in Stücke gerissen zu werden, da zerreißt plötzlich ein ohrenbetäubendes Donnern die Stille; ein Gewitter zieht heran, der Regen beginnt zu prasseln. Astreine Sprachausgabe (Stranger wird von der deutschen Synchronstimme von Kurt Russell und Bruce Willis gesprochen) und die in richtigen Momenten eingesetzte dramatische Orchestermusik tun ihr übriges.

Im Dunkeln ist gut Munkeln

Grafisch abwechslungsreich präsentieren sich die vier Episoden allemal, auch wenn sie oft (der Tageszeit entsprechend) in schlichtes blau-grau-schwarz gehalten sind. Warum sollte man auch die Vampire bei Tag jagen?
Von einem dunklen Wald über finstere Schlösser mit dazugehörigem Dungeon über zerfallene Geisterstädte und verlassene Bergwerke bis hin zum Chicago zur Zeit der Prohibition gibt es reichlich Unterhaltung für die Augen, obwohl manchmal mit der Dunkelheit etwas übertrieben wurde und man öfters versucht ist, den Helligkeitsregler des Monitors bis zum Anschlag zu drehen, um überhaupt etwas erkennen zu können.

Erkennen sollte man allerdings immer etwas, denn sonst wird man allzu schnell von diversen Dämonen angefallen, die durch die Gegend streifen und versuchen, dem Stranger das Leben zur Hölle zu machen. Jedoch sind einmal erkannte Gegner meistens kein Problem mehr für den Spieler, die automatisch Zieleinrichtung macht meist kurzen Prozeß mit allem, was einem so vor die Flinte läuft. Natürlich kann man diese auch abschalten, um eine größere Herausforderung zu haben, doch ist es mit dem Zielen meist nicht so weit her.
Mit der Steuerung haben sich die Programmierer nämlich einen derben Schnitzer geleistet. Mit der Maus zielt man und dreht sich, während die Tastatur fürs Laufen herhält. Das mag ja in einem Ego-Shooter ganz gut funktionieren, durch die schwammige Reaktion der Maus und die gewöhnungsbedürftige Perspektive wird einem hier das Ballern aber ziemlich schwer gemacht. Einzig allein die Tatsache, daß (fast) alle Waffen eine Art Ziellaser besitzen, um vernünftig zu treffen, erleichtert den Kraftakt beim Monster erlegen etwas.

Wirklich spezielle Waffen

Der Stranger läuft standardmäßig mit zwei Pistolen der Marke Schlag-dich-tot herum, die mit diversen Munitionsarten gefüttert werden können, welche einigen Gegnern mehr Kopfzerbrechen bereiten als anderen (Silber nur für Werwölfe, Weihwasser für Vampire etc.). Diese liegen auch reichlich an den verschiedenen Orten herum (warum auch immer, aber sowas hat ja noch nie gestört). Desweiteren kommt man noch u.a. an eine Shotgun und etwas spezifischere Waffen wie eine Holzpflöcke verschießende Armbrust oder eine gebündeltes Licht verschießende Waffe Marke Lichtschutzfaktor 150, welche aber auch sinngemäß nur bei Vampiren einen nennenswerten Effekt hinterläßt.
Rätselmäßig wird sehr leichte Kost geboten. Ab und an wird mal ein Schalter umgelegt, das wars dann auch schon fast. Einzig und allein die vierte Episode ist da etwas rätsellastiger ausgefallen, obwohl spätestens beim Besuch des Herrenhauses die ganze Sache zu einer Art „Trial and Error“-Verfahren verkommt, da hinter jeder Ecke Zombies und ähnliches zu erwarten ist und man regelmäßig in nicht zu erkennende Fallen reinläuft, die einem sofort das Bildschirmleben kosten.

„Ach, da steht ein Gegner … ?“

Apropos Reinlaufen: Das ist auch, wie schon bei Resident Evil, einer der Hauptkritikpunkte dieses Spiels. Öfters kommt es vor, daß der ahnungslose Spieler „kopflos“ in den nächsten Bildschirm rennt und kurz darauf wirklich ohne Kopf dasteht, weil er direkt von irgendwelchen Kreaturen angegriffen wird, die vorher noch seelenruhig auf ihn gewartet haben (Wahrscheinlich hatten sie ihm noch zugewunken und nur, weil er nicht zurückgegrüßt hat, angegriffen). So wird zwar auch ein großer Schockeffekt erzeugt (beim ersten Mal), aber dieser wird nach einiger Zeit nur noch lästig (beim zweiten Mal), vor allem, weil man diese Gegner meistens vorher nicht erledigen kann.

Zum Abschluß noch die kleine Anmerkung, daß der Stranger sich nicht immer alleine in dunkle Gefilde begibt. Durch die Story werden dem Spieler hin und wieder auch Begleiter wie z.B. die rumänische Halbvampirin Svetlana Lupescu oder der saufende und rauchende Scat Dazzle und sein Voodoo-Alter Ego Baron Samedi zugeschustert, die aber nur wenig helfen können und mehr in der Gegend rumstehen und auf Gegenstände warten, die wir besorgen müssen (wer auch sonst?). Ab und an werden die „Gefährten“ auch mal entführt, getötet oder einfach nur weggeschickt (ganz in der Tradition Tolkiens).

Nocturne
Cooler Film Noir-Actiongrusler mit einer Episodenstruktur, die die Hommage an verschiedene Horrorklassiker ermöglicht und zudem insgesamt unverbraucht daherkommt. Leider lässt das Gamedesign vor allem bezüglich der Steuerung noch ein paar Wünsche offen.
audiovisuelle Präsentation8
Realisierung der Spielmechanik6.5
inhaltliche Gestaltung und dramaturgische Aufbereitung9
7.8Gesamtwertung
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