Es geschah 1999 als angeblich authentisches Filmmaterial die Kinogänger schockte, da er angeblich die letzten Tage von drei nahezu spurlos verschwunden Teenagern zeigen soll, die sich in einen Wald aufgemacht haben, um einen Dokumentarfilm über die sog. „Hexe von Blair“ zu machen. Der Horroreffekt bei „Blair Witch Project“ funktionierte sogar erstaunlich gut, aber da wir heute wissen, dass die Protagonisten des Films noch alle quicklebendig sind und das Sequel zum Streifen nicht vollends überzeugen konnte, kann man sich nun die Hexe auf den Monitor bannen und sich dort gruseln. Und das sogar dreimal: Terminal Reality („Nocturne“ ), Ritual Entertainment („F.A.K.K. II“) und Humanhead („Rune“) wurden für jeweils einen Teil einer Triologie beauftragt, die in Monatsabständen in den Läden erschienen.

„Rustin Parr“ ist der erste Teil der Serie und wurde von Terminal Reality produziert, die bereits mit Nocturne ein Survival-Horror-Spiel programmiert hatten. Somit sind die Ähnlichkeiten auch sehr auffällig: Nicht nur, dass das Spiel gebrauch von der „Nocturne-Engine“ macht, sondern auch, weil der Hauptcharakter ebenso für die fiktive Organisation „Spookhouse“ arbeitet, um die sich die Geschichte vom Quasi-Vorgänger dreht. Dabei handelt es sich um einen Geheimdienst, der allerlei übernatürliches Zeug erforscht und bei Gefahr dagegen kämpft. „Spookhouse“ wirkt, grob gesagt, wie eine Mischung aus „Akte X“, „Ghostbusters“ und „James Bond“.

Glückwunsch #8, Sie sind Zeuge

Wir Spieler schlüpfen in die Rolle von Dr. Elspeth Holiday, die von „Spookhouse“ dazu beauftragt wird, unheimliche Geschehnisse zu untersuchen, die sich in letzter Zeit in Burkitsville ereigneten. Dort wurde vor kurzem der einsiedlerische Rustin Parr durch den Sheriff erhängt, der über einen längeren Zeitraum acht Kinder entführte. Sieben davon brachte er auf grausame Weise um, während er das achte Kind namens Kyle dazu zwang, dabei zuzusehen. Nach den Morden schlenderte er erschöpft, aber mit einem Lächeln auf dem Gesicht in einen Laden und verkündete dort, er sei „endlich fertig“. Er behauptet, er hätte Stimmen im Kopf gehört, die alle von einer alten Frau stammen. Sie hat angeblich Rustin zu diesen Morden gezwungen. Klingt rein offiziell für den Sheriff für den letzten Humbug, aber insgeheim macht sich im Dorf wieder die Legende von der Hexe von Blair breit, die man bis zu diesen Morden längst vergessen hatte.
Soviel weiß die Hauptfigur und der Spieler zu Beginn, weitere Informationen werden mittels Dialogen mit den verschiedenen Charakteren aus dem Dorf gewonnen. Dies geschieht in den Adventure-Parts des Spiels, wo es primär darum geht zu erforschen, zu quatschen und zu kombinieren. Das Schöne dabei ist, dass er nie langweilig wird. Die Geschichte ist sehr interessant aufgebaut und die Charaktere sind für ein Computerspiel sehr liebevoll gestaltet, sofern man sich die Mühe macht, alle Zwischensequenzen anzusehen, die sehr zahlreich sind. Da gibt es etwa die naiv hilfreiche Kellnerin aus dem Restaurant oder den Deputy, der zwar auf unserer Seite steht, aber unter dem Druck des mürrischen Sheriffs steht. Vielen Figuren sieht man die schlimmen Ereignisse der letzten Zeit an. Ihre Gesichter sind bleich und sie haben wegen Schlafmangel Ringe unter den Augen.

 

Die perfekte Illusion einer Horrorwelt

Abwechselnd zum Adventure-Part gesellt sich der Action-Part des Spiels, bei dem es schon ruppiger zur Sache geht. Nicht nur die Schockeffekte sind sehr gelungen, sondern auch der Splatter-Faktor ist sehr hoch. Auch wenn hier das Gespratzel klar im Vordergrund steht, bleibt das Spiel in diesen Action-Phasen immer noch sehr spannend, da die Gegner oft sehr überraschend auftauchen und oftmals schon ihre Gestalt allein Gänsehaut verursacht. Da gibt es etwa neben den klassischen Zombies, die eine ziemlich eklig verzerrte Fratze haben, ein wandelndes Stockgerüst, das sich nach erfolgreichen Abschuss mit klappernden Geräusch wiederzusammensetzt. Brrr.
Die beiden Modis, die übergangslos ineinander übergehen, sind also sehr gelungen, was nicht zuletzt an der hervorragenden Atmosphäre liegt, die ganz besonders durch den erstklassigen Sound erzeugt wird. Da Knacken im Wald die Äste und der Wind pfeift durch die Baumkronen, da hört man Schritte aus einer Ecke und leuchtet man mit der Taschenlampe dahin, verstummen sie wieder. Der Regen prasselt herrlich überzeugend und der Donner zerreißt die Stille auf eine Art und Weise, die es in einem Computerspiel noch nicht gegeben hat. Dazu ergänzt sich die Grafik prima: Es herrschen düstere Farbtöne und die „Nocturne-Engine“ zaubert selbst in Zeiten modernster 3D-Grafik immer noch beeindruckende Schatteneffekte in die Szenerie. Gruseltypische Effekte wie herunter laufende Blutspritzer an der Wand oder fallende Blätter im Wald perfektionieren die Illusion der Horrorwelt.

 

Wo viel gruseliger Schatten ist, gibt`s auch Licht

Allerdings wirkt sie trotzdem nicht perfekt, den die Schwächen der „Nocturne-Engine“ machen sich trotzdem bemerkbar: Die Animationen wirken oft zu abgehackt und zu unwirklich. Zudem ist die Steuerung, eine Mischung aus Maus und Tastatur, arg gewöhnungsbedürftig. Damit steigt auch der Schwierigkeitsgrad in den Action-Szenen an, so dass unerfahrene Spieler verzweifeln. Die Hardwareanforderungen sind mächtig, und wer weniger als 128 MB RAM in der Kiste hat, wird an langen Ladezeiten zu knabbern haben. Ein weiterer Kritikpunkt gilt für die deutsche Version des Spiels: Während die englische Sprachausgabe wirklich hervorragend ist, kann die deutsche nicht richtig mithalten. Sie ist zwar auch nicht schlecht, aber einige Sprecher wirken recht unmotiviert und kaum überzeugend.

Blair Witch - Vol. 1: Rustin Parr
Schöne Ergänzung zum Kinofilm, die mit schöner Atmosphäre und spannender Handlung den Mythos um die Hexe von Blair erweitert. Mängel finden sich lediglich auf der spieltechnischen Seite.
audiovisuelle Präsentation8
Realisierung der Spielmechanik6
inhaltliche Gestaltung und dramaturgische Aufbereitung9
7.7Gesamtwertung
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