Trilogien können durchaus erfolgreich und gleichzeitig gut sein. Keins vom beidem ist die „Blair Witch“-Reihe: Während der erste Teil noch einen ordentlichen Start hingelegt hat, kriecht das Sequel nur so hinterher; verkauft hat sich keiner von beidem gut. Auf meinem Schreibtisch liegt nun frisch eingeschweißt der dritte Teil. Ich öffne die Packung und frage mich: Kann #3 die Triologie vielleicht noch retten?

Nach der Installation starte ich das Spiel und das Programm stellt mir meinen Spielcharakter vor: Es ist Winter irgendwann im 18. Jahrhundert. Ich bin Jonathan Prye, ein Priester, der seinen Glauben verloren hat und sich auf den Weg in das kleine Städtchen Blair macht, um selbigen wiederzuerlangen. Dort hat angeblich die „Hexe von Blair“ eine ganze Reihe Kinder für finstere Rituale entführt. Das seltsame: Obwohl die Dorfbewohner die der Ketzerei angeklagten Frau mitten im Wald den eiskalten Stürmen ausgeliefert hat, indem sie sie fest an einem Baum gebunden haben, konnte sie sich anscheinend trotzdem befreien. Suchtrupps finden keine Spur von ihr … und die Kids sind erst nach der fehlgeschlagenen Exekution verschwunden. Mysteriös, mysteriös, denke ich mir als Mr. Prye. Ich bin aber – warum auch immer – der Ansicht, dass dieser Fall die optimale Gelegenheit ist, mich mit dem Bösen zu konfrontieren, um anschließend meinen Glauben wieder zu gewinnen … oder so.

Wenn du tot bist, bringe ich dich nochmal um.

Mögen die Motivationsgründe meiner Spielfigur noch so unergründlich seltsam sein (ich frage mich bis heute noch, warum er im Laufe des Spiels seinen Glauben wiedergewinnt), jedenfalls rede ich kurz nach meiner Anreise erst mal mit den Bewohnern von Blair. Leider sind nur noch der Priester und der Bürgermeister am Start, der Rest hat panisch die Beine in die Hand genommen und ist schnurstracks aus dem Nest geflüchtet. Naja, von den zwei Gefangenen im Dorf-Knast mal abgesehen, denen wir auch noch wertvolle Informationen entlocken können. Ex-Priester Jonathan ist nach ein paar Gesprächen fest davon überzeugt, die Geheimnisse rund um Blair und der seltsamen Hexe lüften zu können. Schön für ihn.
Wie von Ritual Entertainment zu erwarten liegt das Hauptgewicht bei diesem Blair-Game auf der Action. Der wäre an und für sich auch eine Prima Sache, wenn die Kämpfe auch nur einen Tick anspruchsvoller wären. Die Zombies, Stockmonster und ähnliches ekliges Getier sind sehr lahmarschig, so dass ich immer ohne Probleme an ihnen vorbeilaufen kann. Wenn ich mich doch dazu entschließe gegen sie zu kämpfen, habe ich sie mit ein wenig Dauerfeuer via üblichen Schusswaffen oder (sogar recht einfallesreichen) Magiewaffen locker über den Jordan geschickt; das gilt selbst für die Endgegner. Laufe ich an einer Stelle ein zweites Mal vorbei, taucht exakt an derselben Position wie vorher der Gegner erneut auf. Na super, da werde ich ja jedes Mal von neuem überrascht! Wenigstens hinterlassen sie mir immer wieder nützliche Items, die sich dank der unpräzisen Steuerung meist nur mit mehreren Anläufen aufsammeln lassen … da steckt wieder die „Nocturne-Engine“-Krankheit drin.

 

Wenn Priester etwas zwischen den Beinen haben

Die sog. Adventure-Anteile, die hier im Gegensatz zum Vorgänger wenigstens vorhanden sind, sind stellenweise dermaßen einfallslos und vollkommen unsinnig für den weiteren Verlauf der Geschichte, dass ich mich nur fragen kann, warum man sie überhaupt eingebaut hat. Wahrscheinlich um wenigstens etwas Wind in die Story zu bringen, denn zu etwa 60% des Spiels renne ich wie ein Esel im Wald hin und her, nur um den einen oder anderen Gegenstand aufzupicken, der noch nicht einmal mit einem netten Rätsel gut versteckt ist. Nun gut, das mag zwar im Allgemeinen betrachtet Abwechslung in die ganze Sache bringen, aber ein Stirnrunzeln kann ich mir trotzdem nicht verkneifen.
OK, ich will ja nicht nur meckern: Was die Präsentation betrifft, so macht auch Teil 3 der „Blair Witch“-Spieleserie eine gute Figur. Die Grafik ist schön düster und auch die Schatteneffekte wissen dank der „Nocturne-Engine“ zu begeistern. Die Magiewaffen zaubern sogar nette grafische Effekte auf den Bildschirm; Wettereffekte gibt`s am laufenden Band. Die Animationen aber sind wie immer der alte Hut: Die Kleidung der Figuren wehen zwar schön im Wind, aber ansonsten sieht`s eher dürftig aus. Ganz besonders wenn Priester Prye läuft. Witzigerweise sieht das so aus, als hätte er Rasiermesser zwischen den Beinen (oder als hätte er sein nicht vorhandenes Sexualleben als Priester ein wenig zu ernst genommen …).

 

[evil voice] Buh! Hab` Angst vor mir! [/evil voice]

Kein alter Hut, aber dafür Hut ab: Der Sound. Die gelungene Musik läuft angenehm im Hintergrund, während allerlei gruselige Soundeffekte den Spieler erschauern lassen. Die Synchronsprecher sind ebenfalls hörenswert, auch wenn sie in ihre Tonlage manchmal zuviel Gewicht hineinlegen. Nur manche Endgegner, Dämonen übrigens, klingen zumeist ziemlich bescheuert. Bei dem Versuch eine düstere, angsteinflößende Stimme zu erzeugen ist leider das Gegenteil herausgekommen.

Nach wenigen Stunden nehme ich die CD wieder aus meinem Laufwerk und deinstalliere mit gemischten Gefühlen das Programm. Auf der einen Seite habe ich mich über die Einfallslosigkeit und die vielen Designschwächen geärgert, auf der anderen Seite habe ich tatsächlich noch so manche Sequenz genossen und mich zudem noch über die technische Seite gefreut. Richtig zufrieden kann man jedenfalls nicht sein. Jammerschade, damit zählt die „Blair Witch“-Reihe leider auch zu jenen unsäglichen Trilogien, die zu ihrem eigenen Vorteil niemals welche hätten sein dürfen.

Blair Witch - Vol. 3: The Elly Kedward Tale
Schön präsentiert und sicherlich flotter als seine Vorgänger, aber die schon fast Gaunlet-artige Action verschenkt viel der Atmosphäre.
audiovisuelle Präsentation8
Realisierung der Spielmechanik5
inhaltliche Gestaltung und dramaturgische Aufbereitung6
6.3Gesamtwertung
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