Krankenhäuser sind für viele Menschen Orte mit schlechten Erinnerungen. Für viele Autoren ist daher ein Hospital oftmals eine geeignete Umgebung für Schauergeschichten. Die weissen, oft sterilen Gänge assoziieren zwar auf der einen Seite Sauberkeit und Professionalität, auf der anderen Seite aber auch Verlorenheit und Tod. Es ist also mehr als besorgniserregend, wenn man mit Amnesie in einem scheinbar verlassenen Krankenhaus aufwacht. Und erfährt, dass die eigene Ehefrau die Nacht zuvor ermordet worden ist.

Mit „Dementium: The Ward“ liegt einer der wenigen ambitionierten Versuche vor, ein Horrorspiel auf einem Handheld zu realisieren. Das ist besonders deshalb kein leichtes Unterfangen, da die Erzeugung von Atmosphäre in dem Genre sehr stark mit dem Art Design und der damit zusammenhängenden technischen Realisation zusammenhängt. Gerade der Nintendo DS ist nicht gerade berühmt für aufwendige 3D-Applikationen. Was diesen Punkt betrifft, überrascht „Dementium“ mit einer überragenden Grafik. Texturierung, Lichteffekte und in weiten Teilen auch die Animationen sind unter Berücksichtigung der Hardwareleistung aller erster Güte. Gezielt eingesetzte klassische Horroreffekte, wie etwa Regen, Gewitter oder plötzlich auftauchende Stimmen sorgen dafür, dass man sich nach einer kurzen Spielzeit durchaus leicht von der Atmosphäre packen lassen kann.

Allerdings weniger durch die Grafik, als mehr durch die intuitive Steuerung wird der Spieler erfolgreich involviert. Da das Spiel aus der Ich-Perspektive darstellt wird, wird die bereits die auf Nintendo`s Kleinem erschienenen Ego-Shootern bekannte Steuerung auch hier verwendet. Das bedeutet: Mit dem Stylus wird die Sicht mithilfe des unteren Bildschirms kontrolliert, während man das Digipad zum Strafen und Vor- und Rückwärtslaufen verwendet. Geschossen wird mit der linken Schultertaste, schnell zur Taschenlampe gewechselt mit der rechten. Der untere Schirm dient zudem nicht nur als Gesundheitsanzeige, sondern auch als schnell zugängliches Inventar. Gegenstände, Notizen, Karten und vor allem Waffen können relativ flott und unkompliziert aufgerufen werden. Sehr hilfreich ist zudem die Möglichkeit im Notizblock eigene Eintragungen machen zu können. Leider ist dies nicht auf der Karte möglich, die aber immerhin blockierte Türen nach ihrer Entdeckung von selbst markiert.

Die Wahrheit unter der Kosmetik

Durch die sehr direkte und eingehende Steuerung und der sehr starken audiovisuellen Präsentation gelingt es „Dementium“ ohne weiters den Spieler zu fesseln, vor allem, wenn dieser in einem abgedunkelten Raum mit Kopfhörern spielt. Dieser Zustand hält allerdings leider nur während des ersten Drittels an, da das Spiel nach und nach seine inhaltlichen Defizite offenbart. Nach geringer Spielzeit bereits spürbar sind die sich stark wiederholenden Räume und Gänge. Zwar ist ein Krankenhaus in der Realität selbstverständlich nicht der abwechslungsreichste Ort der Welt, doch es gibt durchaus viele Differenzen zwischen einzelnen Abteilungen. Die Entwickler verwenden zwar unterschiedliche Umgebungen, die im Zusammenhang logisch miteinander verknüpft sind, doch verwenden sie zu drei Fünfteln lediglich Korridore und damit verbundene Krankenbetten, Arztbüros und kleine Lageräume. Ermüdend werden diese vor allem durch die kaum vorhandenen Unterschiede zueinander. Büros unterscheiden sich zum Beispiel lediglich durch ein Gemälde oder einer Zeitung, die auf dem Schreibtisch zu finden ist. Ansonsten hat man den Eindruck der Raum sei lediglich kopiert und in manchen Fällen einfach gespiegelt worden. Immerhin sind die Umgebungen stehts überzeugend gestaltet und weisen beispielsweise mit Blutflecken oder Spuren der Zerstörung gruselige Details auf.

Ein weiterer Knackpunkt ist die quasi kaum vorhandene Dramaturgie. Wie eingangs bereits erwähnt wacht die eigene Spielfigur ohne jegliche Erinnerung auf. Im weiteren Verlauf des Spiels gibt es zwar sehr gelungene Zwischensequenzen, die einige Fragmente aus der Vergangenheit wiederholen, doch sind diese derart spärlich verteilt, dass sich kaum ein Erzählfluss einstellen möchte. Selbst die eigenen Zwischenstationen und Ziele des Hauptcharakters werden kaum erläutert; das Spiel schickt einen linear von einem Punkt zum anderen, ohne dafür einen konkreten Grund parat zu haben. Dummerweise hatten die Entwickler auch offenbar nicht viel zu erzählen: Die Geschichte inklusive ihrer Auflösung lässt sich in drei großzügigen Sätzen formulieren und dürfte erfahrene Konsumenten sogar kaum überraschen. Die kommen in kurzer Zeit bereits selbst darauf.

Gehen Sie zurück auf Los …

Ein absolutes Ärgernis ist das extrem unfaire Speichersystem. Das Spiel sichert grundsätzlich immer am Anfang eines neuen Kapitels und setzt ebenso einen Punkt, wenn der Spieler sich mittendrin entscheidet, in das Menü zurückzukehren. Das wäre an sich zufriedenstellend, wenn das Programm nicht jedesmal, wenn die Spielfigur das Zeitliche segnet, den Startpunkt zurück auf den Anfang des aktuellen Kapitels setzt. Man kann also nicht von dem Raum oder zumindest kurz davor erneut beginnen, in dem man gestorben ist, sondern muss das komplette Kapitel erneut spielen. Das ist vor allem dann frustrierend, wenn zu Kapitelanfang ein langwieriger Zwischenboss besiegt und anschließend noch ein komplettes Level bewältigt werden muss. Da „Dementium“ in den letzten Abschnitten durchaus schwieriger wird, sollte sich der eine oder andere Spieler auf Wutanfälle gefasst machen.

„Dementium: The Ward“ bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die technische Umsetzung ist gemessen an der Hardware sehr beeindruckend und das Art Design ist in sich sehr stimmig. Ständig zu hörender Herzschlag (dessen Lautstärke man zum Glück in den Optionen selbst einstellen kann); variierende, an alte Horrorfilme erinnernde Klaviermusik; kreischende, teils groteske Kreaturen und die stets gefragte Exploration im Dunklen mit der Taschenlampe, die man beim Einsatz einer Waffe ablegen muss: All das sind Elemente, die den Freund der Horrorunterhaltung geradezu einladen und ihn überzeugen möchten, das Spiel zu mögen. Doch egal wie viel Sympathien man für dieses Spiel aufbringen kann oder möchte, so muss man nach einer Zeit leider eingestehen, dass „Dementium“ nicht viel zu erzählen hat. Und die Geduld auf eine harte Probe stellt.

Dementium: The Ward
Ambitionierter Versuch ein 1st-Person-Horrorspiel auf den technisch beschränktem Nintendo DS zu realisieren, der durchaus beeindruckt, aber einem mit einer flachen und einfallslosen Geschichte unbefriedigt zurücklässt.
audiovisuelle Präsentation9
Realisierung der Spielmechanik8
inhaltliche Gestaltung und dramaturgische Aufbereitung4
7Gesamtwertung
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