Das Landleben ist schön und friedlich!
Jedenfalls ist das die Vorstellung, den so manche Städler aus westlichen Erdteilen hegen, wenn sie an kleine, niedliche Dörfchen auf dem Land denken. Bei den Japanern scheint dies generell nicht der Fall zu sein. Erwähnt man im Land der aufgehenden Sonne den Begriff „Dorf“, assoziieren die dortigen Game-Designer wohl Dunkelheit, finstere Mächte und Isolation. Warum sonst ist der häufigste Schauplatz in asiatischen Horror-Spielen und -Filmen ein kleines, unscheinbares Dörfchen, in dem merkwürdige Dinge geschehen?

Im Falle von „Forbidden Siren“ findet der Schauplatz in Hanyuda statt, welches urplötzlich nach einem Erdbeben von einem Blutmeer umgeben und von der Aussenwelt abgeschnitten ist. Die Einwohner werden durch ein hypnotisches Sirenengeräusch in das rote Wasser gelockt, welches sie als Untote, den sog. „Shiboto“, wieder auferstehen lässt. Nur 10 völlig unterschiedliche Charaktere überleben den sonderbaren Vorfall und kämpfen nun mehr oder weniger miteinander um eine Ausweg. Ebenfalls wollen viele Fragen beantwortet werden: Wie kam es zu dieser Hölle auf Erden? Woher kommt diese unheimliche Sirene? Und warum sind es gerade diese zehn Personen, die von ihr noch nicht beeinflusst wurden?

das Story-Puzzle

Wer jetzt denkt, Forbidden Siren würde die übrige Vorgeschichte in einem nettem Intro zu Beginn des Spieles erzählen, wird überrascht sein, dass die erste Spielhandlung zeitlich weiter vorne angesetzt ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Videospielen wird die Geschichte non-chronologisch erzählt und gespielt. Dabei bleibt es aber nicht nur bei einem Protagonisten, sondern es werden abwechselnd alle zehn Charaktere gesteuert. Strukturiert ist das Spiel in über 70 Einzelepisoden, mit denen sich Stück für Stück die Handlung zusammensetzt. Was durch unzählige Zeitsprunge und das ständige Wechseln der Perspektiven anfangs sehr verwirrend wirkt, entwickelt im Laufe des Spiels eine hohe dramaturgische Dichte. Je mehr Puzzleteile der Geschichte der Spieler erhascht, desto höher ist die Motivation das grosse Ganze zu verstehen.
Dabei schreckt das Spiel auch nicht davor zurück, dem Spieler eine bereits gespielte Episode erneut vorzusetzen, mit dem Hinweis auf eine weitere Aufgabe, die erfüllt werden muss. Sämtliche Handlungen jedes einzelnen Charakters wirken sich auf die anderer Personen in der Vergangenheit und Zukunft aus. Damit der Spieler das im einzelnen nachvollziehen kann, wird jede benötigte Kleinigkeit von ihm selbst gespielt. Erstaunlicherweise nervt das erneute Lösen eines alten, modifizierten Abschnittes nur im geringstem Maße, da die Entwickler einen jederzeit aufrufbaren Zeitplan eingebaut haben, auf dem die Zusammenhänge aller Charaktere und Episoden nachvollzogen werden können. In den frühen Levels dient dieser Plan lediglich zur Übersicht, in späterem Spielverlauf kann aber von dort aus ein beliebiger, bereits gespielter Level erneut angesteuert werden, um möglicherweise durch einen anderen Lösungsweg eine andere Zukunft herbeizubeschwören oder geheime Episoden oder Charaktere freizuspielen.

 

Solid Snake wäre neidisch

Nicht nur erzähltechnisch, sondern auch spieltechnisch zeigt sich Forbidden Siren von einer ziemlich innovativen Seite. Erstmals im Survival Horror-Genre wurde der Focus nicht auf Kämpfe, sondern Stealth-Elemente gesetzt. Bewusst wurden von den Programmierern die direkten Konfrontationen mit Shibotos zum grossen Nachteil des Spielers gestaltet: Die Charaktere halten in der Regel nicht mehr als drei Treffer aus und haben nur selten Hiebwaffen und sogar noch seltener Schusswaffen zur Verfügung. Schafft man es dennoch, einen Untoten in die Knie zu zwingen, steht dieser nach einer kurzen Zeit wieder auf. Insofern ist Schleichen und vorsichtiges Vorgehen die beste Lösung, um sein virtuelles Alter Ego am Leben zu halten.

Um die Stealth-Thematik interessanter und einzigartig zu gestalten, hatten die Entwickler eine ausgefallene Idee: Obwohl die Protagonisten in Forbidden Siren selbstverständlich keine verspielten Spionage-Gadgets zur Verfügung haben, besitzen sie als Ersatz eine besondere Gabe, bei denen selbst der beste Geheimagend neidisch werden würde: Das sog. „Sight-Jacking“. Im Zuge der merkwürdigen Ereignisse in Hanyda erwerben die zehn Menschen aus Anfangs noch unbekannten Gründen die Fähigkeit sich durch Konzentration in das Sehzentrum von Freund und Feind einzuklinken. Dadurch ist es möglich den Blickwinkel der gegnerischen Figuren auszuloten und deren Laufrouten zu studieren, um ihnen dann möglichst aus dem Weg zu gehen. Das Anwenden des „Sight-Jacking“ ist auch bitter nötig, da die Shiboto alles andere als dumm und unaufmerksam reagieren. Taschenlampenlicht lenkt ebenso ihre Aufmerksamkeit auf sich wie laute Schritte oder andere auffällige Geräusche und Aktionen.
Oft ist man auch nicht allein, sondern mit einer hilflosen Begleitperson unterwegs, die ebenfalls durch Befehle sicher durch Gefahrenzonen geführt werden muss. Stirbt dieser NPC-Charakter, ist die Mission ebenfalls gelaufen. Der Lösungsweg muss also wohl bedacht werden.

Sam Fischer`s schlimmster Alptraum

Zuweilen entwickelt sich das Spiel bereits zu Beginn zu einer Orgie für Stealth-Fetischisten. Der Spieler braucht eine Engelsgeduld, um sämtliche Gegner zu beobachten und den richtigen Moment abzupassen. Da jeder Fehler meistens mit einem schnellen Tod quittiert wird, ist der Schwierigkeitsgrad ungemein hoch, was gerade zu Anfang daran liegt, dass man nicht über die nötigen Ortskenntnisse verfügt, um die Positionen der Shiboto identifizieren zu können. Die Entwickler haben leider nicht daran gedacht eine Art „Kennlern-Phase“ einzubauen, damit sich der Spieler mit den Locations vertraut machen kann. Zwar gibt es ein in die Handlung eingebundenes Tutorial, jedoch ist dies viel zu kurz und bringt in der Praxis fast nichts. Da man sich quasi in jeder Episode in einer dauerhaften Extremsituation befindet, artet stellenweise die Schleicherei zu einem Trial & Error-Verfahren aus, sofern der Spieler selbst nicht besonders geduldsam und „stealth-begabt“ ist. Auch die jederzeit aufrufbare Karte gibt nur geringfügige Auskunft über die aktuelle Postion der eigenen Spielfigur. Angezeigt werden lediglich Orientierungspunke in der Landschaft, anhand derer abgeschätzt werden muss, wo man sich derzeit befindet. Sehr realistisch also.
Gewöhnen tut man sich an die Karte und an den das „Sight-Jacking“ recht schnell, beide Elemente gewinnen im weiterem Spielverlauf sogar an grösseren Reiz. Trotzdem ist das keine Entschuldigung für den schweren Einstieg und das stellenweise zu träge Gameplay. Forbidden Siren treibt das Stealth-Prinzip auf die allerhöchste Spitze und kann ohne Zweifel sogar als Sam Fischers Alptraum bezeichnet werden. Zwar werden neben der Schleicherei und der sehr wenigen Kämpfe noch Rätsel gelöst, doch stellen die nie wirkliche Kopfnüsse dar. Lobenswerterweise geht es dabei lediglich um bodenständige Aufgaben und nicht um wilde Phantastereien wie „Setze sechs goldene Teller in die Tür ein, um sie zu öffnen.“ Das stärkt die Atmosphäre ungemein.

So dicht, man könnte sie förmlich schneiden

Dieses Stichwort führt zum nächsten wichtigen, und vielleicht auch stärksten Punkt von Forbidden Siren: Die Horroratmosphäre ist mehr als gelungen und das Spiel steckt voller fantastischer Gruselmomente. Beispielsituation in einer Grundschule: Ein Shiboto schnappt ein Geräusch von mir und meiner Begleitung, einem Kleinkind, auf und fängt an mit seiner Taschenlampe nach uns zu suchen. In Windeseile flüchten wir beide in ein Klassenzimmer. Dem Kind sage ich, dass es sich in einen Schrank verstecken soll, ich selbst nehme eine geduckte Haltung hinter dem Lehrerpult ein und mache mein Taschenlampenlicht aus. Stille. Plötlich geht am Ende des Raumes die Tür auf. Der Shiboto leuchtet mit seinem Taschenlampenlicht hinein, in der anderen Hand eine bereits blutige Sichel. Er macht ein paar Schritte in den Raum, gibt undefinierbare Geräusche von sich, leuchtet in meine Richtung … nein … er geht sogar ein paar Schritte in meine Richtung. Der Puls rast. Starre. Schließlich dreht sich der Shiboto dennoch um, kurz bevor er mich hätte entdecken können und verlässt den Raum. Puh!
Wie vielleicht an dem eben angeführtem Beispiel zu erkennen baut das Spiel trotz seiner Frustmomente eine grossartige Horroratmosphäre auf, die sicherlich mit keinem bis dato erschienenen Survival Horror-Spiel zu vergleichen ist. Bisher fühlt man sich noch nie so schwach, hilflos, schlicht unterlegen. Forbidden Siren nutzt dieses Spielgefühl schamlos aus und verstärkt sie durch sein authentisch wirkendes Design und die Einführung weitesgehend glaubwürdig wirkender Charaktere.

Die Atmosphäre wäre aber nur halb so bedrückend, wenn der Sound sie nicht so gut unterstützen würde. Die Shiboto klingen wie Menschen mit Tollwut und schlicht ekelhaft, die akustischen Effekte in den meisten Fällen realistisch und die stetige Hintergrundbegleitung hat Gänsehautgarantie. Leider hat haben sich die Entwickler bei letzerem nicht dazu entschieden eine dynamische Abstimmung zu verwenden. So läuft die Ambiente-Musik ständig im Loop und bietet eher selten wirklich stille Momente, die im Horrorgenre manchmal Gold wert sein können.
Auch an sich stimmungsvolle Grafik bietet Anlass zur Kritik. Manche Animationen, besonders die Art und Weise, wie einige Figuren laufen, wirken angesichts der ansonsten authentischen Aufmachung befremdlich unwirklich. Die Polygonanzahl der Figuren und Objekte ist nicht wirklich hoch, einige Texturen wirken schwach aufgelöst oder undetailliert. Unbedingt erwähnens- und lobenswert sind jedoch die Regen- und Nebeleffekte, das Taschenlampenlicht und die Gesichtsanimationen. Kleinere Details wie Insekten im Lampenlicht tragen ebenfalls zur Atmosphäre bei.
Im allgemeinen ist Forbidden Siren in dem Stil japanischer Grusel- bzw. Horrorfilme gehalten, dementsprechend begegnet man vielen asiatischen Stilmitteln wie Bildrauschen, blasse Farben oder bestimmten Bildkompositionen in Zwischensequenzen.

Horror-Steuerung

Neben seinen oben beschriebenen Defiziten im Gameplay hat Forbidden Siren aber auch Probleme mit der Steuerung. Obwohl sie sich im Grunde nicht von anderen Genre-Vertretern unterscheidet, ist sie gerade für engere Gänge recht hakelig und ungenau ausgefallen. Kämpfe gehen ebenfalls recht träge vonstatten, allerdings gehe ich an dieser Stelle davon aus, dass es Absicht der Entwickler war. Schließlich soll sich der Spieler nicht einfach so durch das Spiel metzeln. Die Menüführung hingegen ist sehr durchdacht und lässt sich erstklassig bedienen. Das Inventar ist aufgeräumt und zugänglich und auch im Spiel lassen sich wichtige Handlungen über ein aufrufbares Menü regeln. Durch das Menüsystem sind gerade im späteren Spielverlauf komplexere Aktionen möglich.
Sehr gelungen ist das Steuerungs-Prinzip des „Sight-Jacking“: Mit einem Druck auf die L2 wird die Fähigkeit aktivert und das erste, was man sehen wird, ist Schnee-Rauschen wie bei einem nicht vorhandenem Fersehempfang. Witzigerweise funktionert das Suchen nach Gegner-Sicht-Signalen auch wie bei einer TV-Antenne: Der linke Analog-Stick wird vorsichtig rotiert, womit sozusagen die Fühler die Umgebung absucht. Je nach Ausrichtung des Sticks und Postion der Figuren ist der Empfang von Bild und Ton stärker oder schwächer. Bis zu vier „Kanäle“ können auf Kreis, X, Dreieck und Quadrat gespeichert und aufgerufen werde. Optimal, um mehrere Shiboto im Auge zu behalten.

Forbidden Siren
Eine umheimlich dichte Atmosphäre und eine gewieft erzählte Geschichte trifft auf etwas unausgegorenes Gameplay. Trotz kleinerer Unzulänglichkeiten ist Forbidden Siren absolutes Pflichtprogramm für besonders enthusiastische Fans von Horrorspielen.
audiovisuelle Präsentation8
Realisierung der Spielmechanik6.5
inhaltliche Gestaltung und dramaturgische Aufbereitung9.5
8Gesamtwertung
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