Abhängig!
Mit dem Spiel “Galerians” bietet uns Crave Entertainment ein Action Adventure besonderer Art. Anders als übliche Spiele des Genres besteht hier der Grossteil nicht aus dem Niedermetzeln von Zombies oder Monstern. Man sammelt auch keine Medikits ein – Nein, diesmal sind es Drogen, die dein Leben und auch den Zeitpunkt deines Todes bestimmen …

Die Handlung von „Galerians“ ist in einer düsteren Zukunft angesiedelt und spielt in einer fiktiven Stadt namens Michelangelo City. Dort entwickeln zwei berühmte Wissenschaftler, Dr. Steiner und Dr. Pascalle, den Supercomputer Dorothy, der über eine unglaubliche künstliche Intelligenz verfügt und in der Lage ist, selbständig Entscheidungen zu treffen und seine eigenen Kreisläufe eigenständig zu replizieren. Dorothy entwickelt im Laufe der weiteren Selbstentwicklung völlig neue Zellkreisläufe und verwirft die ursprünglichen, welche von den Wissenschaftlern stammen. Schnell übernimmt er sämtliche Computernetzwerke und wird zum alles beherrschenden „Mutter“-Computer von Michelangelo City.
Mit der Zeit entwickelt Dorothy aber eine Abneigung gegen Menschen und stellt sich Fragen im Schlage von „Warum habe ich nicht das Recht, ein derart minderwertiges System wie die Menschheit einfach auszulöschen?“ oder „Warum darf ich die Menschen nicht töten, wo sie sich doch gegenseitig umbringen?“. Dorothy sucht nach Antworten auf ihre Fragen und findet eine Lösung im sog. „Familienprogramm. Damit hat das Ende einen Anfang genommen …

Schnitt. Mit dröhnendem Schädel und dem Gefühl, als wäre er eine Fußmatte im Taxi wacht Rion in einem grossen, sterilen Raum auf. Wie war er hierher gekommen? Und überhaupt – wo ist er eigentlich?
Er glaubt sich an die Stimme eines Mädchens zu erinnern, ohne zu wissen, wer sie ist, wie sie aussieht oder woher sie kommt. Jedoch weiß er noch nicht, daß die Stimme keine Erinnerung ist, sondern daß er tatsächlich telepathisch gerufen wird. Dies ist der Beginn einer Suche zu Rions einstigem Selbst und einer eigenartigen, aber interessanten und teilweise recht traurigen Geschichte.

Drogen sind tödlich!

Helle Neonröhren werfen ihr kaltes Licht auf die metallernen Laborgänge, überall lauern Wachleute, die Rion mithilfe von Medikamenten ruhig stellen wollen, und das einzige, was du besitzt um dich zu wehren sind paradoxerweise Drogen. Rion besitzt PSI-Fähigkeiten, die durch bestimmte Stoffe freigesetzt oder verstärkt werden können. Schon bald merkt man, daß Rion wirklich abhängig von den verschiedensten Injektionen ist, die nicht nur sein allgemeines Wohlbefinden stärken, sondern ihm auch zur Fähigkeit verhilft, seinen Widersachern (Wissenschaftler, Roboter und ein paar wirklich nette Überraschungen) mit einem elektromagnetischen Impuls, einem gefährlich heissem Feuerball oder mithilfe der Schwerkraft entgegenzuwirken.

Vorsichtig sollte man jedoch schon sein, denn die Wunderkapseln sind recht rar und manchmal muss man sogar einen Dealer aufsuchen, um nicht auf einem gesundheitszehrenden Turkey durch die Gegend zu laufen. Nimmt Rion nicht regelmäßig eine sog. Delmentor-Kapsel ein oder strapaziert er seinen AP-Wert (psychische Belastung), erreicht er einen Schock-Zustand, der „Shorting“ oder „Ausbrennen“ genannt wird. Der Vorteil: Gegner, die in die Nähe kommen, werden durch die von Rion ausgehende PSI-Kraft getötet. Nachteil: Hält dieser Zustand zu lange an, stirbt auch Rion. Mit jedem Einsatz einer Kraft steigt auch die mentale Belastung von Rion, sprich der AP-Wert.

Die Vielfalt der Pillen hat mir bei mir persönlich eine richtige Experimentierfreudigkeit ausgelöst, denn auch durch das Einnehmen zweier verschiedener Medikamente verändert sich die Wirkung. So frisch und leicht zugänglich umgesetzt die Idee mit den Drogen bzw. PSI-Kräften auch ist, leider stellt sich nach einer gewissen Zeit in den Angriffsmöglichkeiten leichte Abwechslungsarmut ein. Ein paar weitere Angriffsvarianten als nur drei grundlegende, die man beliebig mischen und skalieren kann; bzw. neue Fähigkeiten hätten dem Spiel im weiterem Verlauf sicher gut getan. Das gilt zum Teil auch leider für die Gegner.
Apropos Fähigkeiten: Rion kann auch die Gabe freisetzen, durch Telepathie durch Wände hindurch zu sehen oder gar durch blosses Betrachten eines Ortes das Versteck des dazugehörigen Gegenstands ausfindig zu machen.

Ungewöhnlich, aber gut!

Das Spiel bietet groteske, teils surreal wirkende Sci-Fi-Schauplätze, die von steril bis hin zu siffig verkommen rangieren. Nicht zuletzt lebt es von seinem bizarren Soundambiente. Schockeffekte bot mir „Galerians“ zwar nicht, da die animelastige Grafik viel zu niedlich ist, als daß man sich erschrecken könnte, aber man fühlt schon in den ersten Spielminuten eine angenehme Bedrohlichkeit, die sogar bis zur letzten Sequenz anhält, was nicht zuletzt daran liegt, daß Schauplätze sich bei nochmaligem Aufsuchen verändern und Leute, die eben noch da waren plötzlich tot in ihrer Blutlache liegen. Rätsel gibt es in „Galerians“ zu genüge, und auch, wenn sie nicht wirklich schwer sind, wurden sie jedoch hervorragend verziert und und die Aufmachung sorgt für die nötige Gänsehaut zwischendurch.
Die Sprache ist durchgehend deutsch und auch recht professionell. Man kann sie sich also guten Gewissens in die Gehörgänge gleiten lassen, ohne das Gefühl zu haben, daß das deutsche Lokalisationsteam mal wieder Mist gebaut hätte.

Galerians
Außergewöhnlicher Cyberpunk-Horror mit beklemmender Stimmung und Drogenthematik, deren Geschichte weit mehr zu bieten, als es zunächst den Anschein hat.
audiovisuelle Präsentation7
Realisierung der Spielmechanik7
inhaltliche Gestaltung und dramaturgische Aufbereitung9
7.7Gesamtwertung
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