Das Konzept, in dem Geister auf den Wegen fortgeschrittener Medientechnologie Kontakt mit den Lebenden aufnehmen und diese nutzen, um im Rahmen eines Fluchs zu morden, wurde in den letzten Jahren von Horrorfilmen immer wieder aufgenommen. Ob Internet, Film- und Fernsehtechnologie oder Telefone: Im wesentlichen handelt es sich nur um eine Variation einer Grundidee, bei der sich lediglich die Mittel zum Zweck verändern. Nach zahlreichen Filmen dieser Art war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kommen würde, das bisher unverwendete Medium Videospiel zu verwenden. „Stay Alive“ ist der erste Versuch, der jedoch bereits an seiner Prämisse scheitert.

Drei junge Menschen werden auf grausame Art und Weise in ihrer WG ermordet, nachdem sie einen Abend lang ein Videospiel getestet haben, dass den Namen „Stay Alive“ trägt und sich noch in Beta-Stadium befindet. Die Polizei findet keine Spuren, die auf den oder die Täter zurückführen könnten, jedoch stimmen die Mordmethoden mit den virtuellen Toden aus dem Spiel überein.
Ein guter Freund der drei Opfer erhält nach der Beerdigung einige private Gegenstände, mit denen die Verwandten nichts anfangen können. Darunter befindet sich unter anderem die Kopie des besagten Videospiels, dass noch am gleichen Abend während einer gemeinsamen Gaming Session mit anderen videospielbegeisterten Freunden angespielt wird. Schon bald ist ein weiteres Opfer zu beklagen, welches auch auf die gleiche Art ums Leben kommt, wie das digitale Pendant im Spiel. Alle Beteiligten des Abends wird nach zunehmenden Haluzinationen und weiteren Toden nach und nach klar, dass „Stay Alive“ nicht bloß ein einfaches Videospiel ist, sondern dessen Entstehungsgeschichte ein düsteres Geheimnis beherbergt.

If you get bored in the game … you get bored for real

Da man das Grundthema in dieser Variation bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hat, ist der Film zu Beginn noch sehr erfrischend. Der Auftakt mithilfe einer stimmigen Ingame-Sequenz darf als gelungen bezeichnet werden, allerdings werden nach Einblendung des Filmtitels bereits die ersten Schwächen deutlich, die sich im Verlauf des Filmes häufen. Die oft unkreativ platzierten Schockeffekte etwa folgen dem Schema F des Horrorfilms, die erfahrene Zuschauer bereits dutzende Male in Genrekollegen sehen durften. Das wenig überraschende Reportiore reicht von Erscheinungen in Spiegeln über vorbeihuschende Siluetten bis hin zu diversen Geräuschen, die die Protagonisten bereits aus dem Spiel kennen. Ein cleverer Kniff der Filmemacher hätte die Idee des Vibrationsgeräusches sein können, welches immer dann zu hören ist, wenn Gefahr droht (Entwickler von Horrorspielen verwenden die Vibrationsfunktion in Videospielen gerne, um die Gegenwart von Gefahr anzukündigen). Leider wird das aber derart oft verwendet, dass sich der anfangs noch erfolgreiche Gruseleffekt sehr schnell verliert.
Auch die Charaktere wirken nur vereinzelt einigermaßen überzeugend. Dargestellt werden soll eine Gameclique, die zwar Tagsüber ihren Berufen nachgeht, in ihrer Freizeit aber oft in Internetcafès abhängt und siebzig bis achtzig Prozent ihrer eingeatmeten Luft dazu verwendet, über ihr Lieblingshobby Videospiele zu reden. Die meisten Figuren wirken wie billige Abziehbilder eines Klischeègamers. Egal ob der Vollnerd Swink, die Gothic-Lolita October oder der leichtfüßige Phineus: Sie alle stellen nur Extreme dar, wie sie in der Realität nur in geringer Stückzahl vertreten sind. Bei den ebenso heillos überspitzen Nebenfiguren schießt aber in jedem Fall ein hoffnungslos verstrahlter Spielefreak den Vogel ab, der hinter der Theke einer Videothek arbeitet. Dieser wird von einem – ebenfalls klischeehaft unsymphatisch-arschigen – Polizisten nach näheren Informationen zu dem Spiel gefragt, worauf dieser wild gestikulierend irgendwas von einem „Undergroundgame“ faselt. Den Darstellern kann man da kaum Vorwürfe machen: Sie spielen ihre Rollen konsequenter und besser, als es in vielen anderen Horrorfilmen der Fall ist und kämpfen sich wacker durch den voraussehbaren Standardverlauf des modernen Horrorfilmgenres inklusive einiger grober Logikfehler.

Das Unechte wirkt echt

Generell ist die weitesgehend unrealistische Darstellung von Videospielern und der damit zusammenhängenden Kultur eines der Hauptprobleme des Films, das vor allem diejenigen Zuschauer stören wird, die sich selbst mit Spielen beschäftigen. Obwohl viele bekannte Titel erwähnt werden und einige Requisiten durchaus der Realität entsprechen, erwecken verschiedene Phasen des Films den Eindruck, dass die Drehbuchautoren keinerlei Kontakt zur Gamerszene haben. Überraschenderweise wirken jedoch die Ingame-Szenen sehr authentisch und vermitteln somit den Eindruck, tatsächlich ein Videospiel zu sein, dass man theoretisch selbst auf dem eigenen PC oder der eigenen Konsole spielen könnte. Die gerenderten Sequenzen enthalten obligatorische Elemente, nehmen die üblichen Kameraperspektiven ein, sind in einer spieleartigen Optik gehalten und enthalten neben Schrifteinblendungen sogar denkbare Bewegungsabläufe von Freund und Feind.

Prinzipiell hätte man die klischeèhafte Darstellung der Protagonisten und ihrem Umfeld mit einem Augenzwinkern verstehen können, aber zum Erstaunen des geneigten Zuschauers strebt „Stay Alive“ tatsächlich ernsthafte Versuche an, vor allem nach Todesszenen einen gehörigen Hauch Dramatik zu versprühen und Mitleid beim Publikum zu erwecken. Aufgrund der Defizite bei der Charakterdarstellung gelingt dies nur minimal an den Stellen, wo Bild und Ton so gut realisiert worden sind, dass man sich zumindest durch die audiovisuellen Eindrücke auf die Stimmung einlassen könnte. Überhaupt ist der Film technisch durchaus solide gemacht, so dass er ohne die inhaltlichen Schwächen gut funktioniert hätte. Einige visuelle Ideen werden nach dem Betrachten in Erinnerung bleiben; wie etwa Geister, die mit Absicht so aussehen wie Polygonfiguren, einige nette Schnitte oder gelungene Experimente mit Licht und Schatten. Auch der Soundtrack, der Geigen und elektronisch verzerrte Klänge kombiniert, macht sich an manchen Stellen positiv bemerkbar.

Unter dem Strich wird es schwer sein, für „Stay Alive“ ein Empfehlung auszusprechen. Je mehr Horrorfilme der Zuschauer kennt, desto weniger wird dieser lauhe Vertreter des Genres ihn überraschen. Und je mehr man sich in der Gamerszene auskennt, desto verärgerter wird man oft über die Darstellung sein. Oder vielleicht auch nicht. Wer nach dieser Rezension entsprechend vorbereitet mit einigen videospielversierten Freunden den Film gemeinsam anschaut, wird vielleicht trotz oder gerade wegen der ernst gemeinten Dramatik und den vielen Klischeès noch Momente zum gemeinsamen Schmunzeln finden.

Stay Alive (Director's Cut)
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