„Tairyou Jigoku“ ist nur ein dezenter Hauch eines mit voller Kraft produzierten Horrorspiels. In nahezu sämtlichen Elementen ist anzumerken, dass es im Rahmen der „Simple 2000“-Reihe entwickelt und veröffentlicht wurde. Dabei handelt es sich um eine Budget-Reihe auf dem japanischen Videospielemarkt, in der bewusst Spiele veröffentlicht werden, die weitaus weniger aufwendig produziert wurden und direkt für 2.100 Yen angeboten werden. Umgerechnet entspricht dies etwas weniger als 20 Euro, also etwa ein Drittel des Wertes für einen Vollpreistitel. Aha, was bedeutet dies konkret? Dass „Tairyou Jigoku“ auch nur „1/3 so gut ist“ wie seine Genrekollegen?

Klar ist: Die Chance, als Geheimtipp aus der Kritik hervorzugehen, hat das Spiel leider verpasst. Offenbar hatte man bei dem Schreiben der Hintergrundgeschichte die Intention, auf keinen Fall ein Meisterwerk abzuliefern. Es geht um ein japanisches Schulmädchen namens Eriko, das am späten Abend durch ein Schulgebäude läuft, um ihr verlorenes Handy wieder in die Hände zu bekommen. Ein sprechender Hase im Anzug (!) hat ihr dieses gestohlen und lockt sie damit in ein Weltenportal, welches sie in einen dunklen Wald teleportiert, der von sehr vielen, überdimensionierten Insekten bevölkert ist. Diese sind von der Anwesenheit des Mädchens offenbar nicht begeistert, greifen sie es doch in Scharen an. Während Eriko sich gegen die Krabbelviecher zur Wehr setzt, bekommt sie von dem Hasen dezent portionierte Informationen oder Hilfsgegenstände, mit denen sie den Ausgang erreichen kann. Dieser Vorgang wiederholt sich einige Male, womit Eriko mehrmals unheimliche Orte besuchen muss. Diese scheinen wahllos gewählt. Ein direkter Zusammenhang zwischen dem erwähnten dunklen Wald, einer Kanalisation, einer Burg und anderen Orten besteht nicht.

der langweilige Hasenbau

Die Hauptfiguren, der Hase und das Mädchen, sind bereits Hinweis genug, dass sich der Handlungsfaden mehr oder weniger grob an Alice im Wunderland orientiert. Allerdings wird weder die Faszination eines Märchens, noch die Intensität einer packenden Horroratmosphäre erreicht. Es fehlen genügend Märchenelemente, um die Absurdität der Geschichte zum Stilelement zu machen. Auch als gewollter Trash bzw. als Parodie kommt „Tairyou Jigoku“ nicht durch, da augenzwinkernde Ansätze nur begrenzt vorhanden sind. Es ist selbstverständlich eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet ein zimperliches Mädchen einer Horde ekeliger Insekten gegenübersteht, die bei erfolgloser Gegenwehr an ihr hochkrabbeln und die sie unter anderem mit Insektenspray bekämpfen kann. Ansonsten machen sich parodistische Bemühungen höchstens nur an der Charakterisierung von Eriko bemerkbar, deren Stimme in jedem noch so belanglosen Satz übertriebene Naivität hervorscheinen lässt, deren Bewegungen kraftlos und ungelenk aussehen und deren Motive und Ansichten – wie bereits an dem Aufhänger der Story anzumerken – sich an dem Maßstab eines pupärtierenden Mädchens orientieren, wie sie nur in den Köpfen schlechter Manga-Autoren existieren können.

Die Eindimensionalität setzt sich fort. „Tairyou Jigoku“ hebt fast keinerlei Bestrebungen die eigene fiktive Welt dem Spieler schmackhaft zu machen. Dramaturgisch wird angesichts der einfachen Struktur niemand umgarnt. Die grundlegende inhaltliche Konstellation von Protagonisten, Antagonisten, Handlungsorten und Motivationen ist höchst unattraktiv. Der kaum vorhandene Spannungsbogen und die relativ ungeschickte Inzenierung führen letzendlich zum totalem Desinteresse des Spielers. Einfach zusammengefaßt: Dramaturgisch ist „Tairyou Jigoku“ äußerst langweilig.

Es gibt nichts zu sehen.

Ironischerweise gilt dies auch für die gesamte audiovisuelle Präsentation. Während der Soundtrack trotz der starken Wiederholungen durchaus seine stimmungsvollen Momente hat und die Krabbelviecher teils herrlich „wuselig“ vertont sind, ist die Optik als höchst spartanisch zu bezeichnen. Die Gegner sind teils zwar überzeugend animiert, aber gerade dadurch wird die arg schlichte Architektur und Texturierung der Umgebungsgrafiken umso deutlicher. Die Welt in „ Tairyou Jigoku“ wirkt trotz der Insektenschwärme in einer Weise leer und leblos, die fast den Eindruck erweckt, die Entwickler hätten von einer frühen Arbeitsphase an nicht mehr weiterarbeiten können. Die Leere kehrt sich in den Abschnitten, die in dem Schulgebäude stattfinden, wenigstens zum Positiven, da dort durch das eigentliche Defizit die blanken, gradlinigen Flure besonders betont werden.

So liegt es an dem Spiel selbst derartige Schwächen auszubügeln, was allerdings nicht gelingt. Meist gilt es, in dem jeweiligen Level einen, vielleicht zwei Gegenstände zu finden, die zum Ausgang führen. Bevor dieser aber betreten werden kann, muss sich Eriko einem Endgegner in Form eines verdammt großen Insekts entgegenstellen. Die anzugehende Taktik ist zumindest beim ersten großen Widersacher reizvoll: Anstatt auf das Ungeziefer direkt einzuschlagen, müssen diesem umherschwirrende kleine Viecher mit einem Golfschläger oder ähnlichem entgegen geschleudert werden, um Schaden zu verursachen. Leider wiederholt sich dieses Prinzip durchgehend.
Ähnlich repetiv verlaufen die kämpferischen Auseinandersetzungen außerhalb der Boss-Kämpfe. Schädlinge verschiedenster Art – ob Kakerlaken, Kellerasseln oder Ratten – sind entweder mit Schlagwaffen oder einem Sprung auf den Körper temporär auszuschalten. Im Gegensatz zu dem ekeligem Getier gehen Baseballschläger oder Holzlatte nach heftigem Gebrauch zu Bruch, weshalb früher oder später die Flucht ergriffen werden muss. Trotz der ungenauen Steuerung sind die Kämpfe nach kurzer Zeit nur noch wenig herausfordernd, da stehts die gleiche Reaktion vom Spieler verlangt wird. Manchmal kann Eriko sich an Insekten vorbeischleichen, etwa in geduckter Haltung im Falle von Wespen. Weitere abwechslungsfördernde Ideen dieser Art wurden von den Entwicklern jedoch leider nicht eingebracht.

Zowadowazowadowa!

Neben der erwartungsgemäß enorm kurzen Spielzeit hat „Tairyou Jigoku“ aufgrund seiner Schwächen tatsächlich nur ein Bruchteil von dem, was ein gutes Horrorspiel ausmacht. Seine besten Momente hat das Spiel allerdings dann, wenn Eriko von dem Ungeziefer bekrabbelt wird. Dann erscheint eine immer umgangreicher werdende Ansammlung von japanischen Schriftzeichen, die übersetzt eine Lautsprache wiedergeben und die krabbeligen Geräusche der Insekten verwortlicht. Stärker werdende flimmerde Bildstörungen wie bei einem kaputten Video unterstützen den Effekt. So lange, bis wir als Spieler mit wildem Rütteln und Drücken der Sticks und Knöpfe auf dem Pad die Kontrolle über unsere Spielfigur wiederlangt haben, während sie angewiderte, schrille Laute von sich gibt. Das simuliert nicht nur erfolgreich das panische Abschütteln, sondern gibt auch eine Vorstellung davon, wie das Spiel hätte werden können. Eben nur der Hauch der vollen Kraft.

Tairyou Jigoku
Auch wenn man dem Spiel seinen Kuriositäts-Bonus zugestehen muss: An allen Ecken und Enden ist die Budget-Natur spürbar. So ekelt man sich nur für kurze Zeit vor den wuseligen Insekten.
audiovisuelle Präsentation4
Realisierung der Spielmechanik4
inhaltliche Gestaltung und dramaturgische Aufbereitung3
3.7Gesamtwertung
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