Vielleicht haben wir es Frèdèrik Raynal und Hubert Chardot zu verdanken, dass wir uns heutzutage mit Survival-Horror spielen gruseln dürfen. Ersterer war es nämlich, der 1993 das Konzept „Alone in the dark“ erdachte und mit Chardot produzierte und damit die Fachpresse vor Freude Saltos schlagen ließ. Schnell wurde aus dem Spiel ein Bestseller. Zeitsprung: Im Jahre 2000 präsentiert Hubert Chardot ein anderes Projekt, das den wohlklingenden Namen „The Devil Inside“ trägt …

… und das ist nicht gerade das klassische Schreckens-Szenario: 1994 nahm die Polizei den brutalen Massenmörder „Night Howler“ fest und ließ ihn auf dem elektrischen Stuhl hinrichten. Damit wäre die Sache auch erledigt gewesen, wäre nicht seine böse Seele mitsamt ein paar anderen unangenehmen Zeitgenossen aus der Hölle in ein altes Anwesen nahe Hollywood geflüchtet. Da kommt der quotengeile TV-Sender „Weird Wild World Los Angeles“, kurz „WWWL@“, ins Spiel und wittert die einmalige Chance einen großen Coup zu landen: Praktischer Weise sind ja schon ein paar technische Geräte im Haus installiert, müsste man noch ein passendes Studio aufbauen, einen sarkastischen Moderator und schnuckelige Assistentinnen aufsuchen, viel Werbung machen und Grundvoraussetzungen für eine sensationelle TV-Show wären somit gegeben. Und der Held dieser TV-Show ist der Spieler in Form von Dave Ackland, ein Ex-Cop, der engagiert wird um dem bösen Treiben im Haus ein Ende zu setzen.

Guten Abend, liebe Zuschauer!

An dieser Stelle steigt man also in das Spiel ein und wird mit einer relativ ordentlichen 3D-Grafik begrüßt. Licht- und Partikeleffekte kommen gut rüber und auch die Texturen sehen recht gut aus. Schön sind auch die Animationen der Spielfiguren, die aber leider mit etwas zu wenig Polygonen ausgestattet wurden, weshalb sie etwas eckig aussehen. Was auf alle Fälle überaus gelungen ist, ist das Design der digitalen Welten. Es kann eigentlich nicht langweilig werden, weil es ständig was neues in der Umgebung zu sehen gibt. Sie ist sehr detailverliebt und überaus glaubhaft in Szene gesetzt worden. Zum Beispiel kreist die ganze Zeit über das Gelände ein Helikopter des Senders. Oder die meiste Zeit läuft ein Kameramann mit, der das Geschehen aus nächster Nähe zu filmen versucht. In manchen Räumen kann man durch ein Loch in der Wand in das Nachbarzimmer schauen und auch sehr schön ist eine Szene im Spiel, wo man an einer Statue vorbeiläuft und deren Kopf sich plötzlich bewegt. In der Zeitlupenfunktion kann man die einzelnen Geschosse sehen, und und und … Man könnte die Liste endlos fortsetzen …

Atmosphäre wird nicht zuletzt durch das abgefahrene Szenario erzeugt: Ständig wird man von dem Grölen, dem Klatschen oder den Oh-Schreck-Schreien des Publikums begleitet. Der Moderator kommentiert jeden spektakulären Abschuss und manchmal wird sogar eine Zeitlupenwiederholung eingeblendet. Der Eindruck einer TV-Show wird geschickt eingefangen und geht während des gesamten Spiels nicht verloren. Neben der Tomb Raider-artiken Rückenperspektive und der Survival-Horror-artigen Kamerawechsel-Perspektive (die dank der komplett in Echtzeit berechneten Grafik sogar zoomt und den Spieler verfolgt) gibt es auch noch die Perspektive des Kameramanns. Egal für welche man sich entscheidet, man wird manchmal ein Bildrauschen und Flackern sehen können (wie bei manchen Live-Übertragungen eben) und wer in die Kamera ballert, wird mit einen witzigen Störeffekt belohnt.

Wenn Spielfiguren über- und unterfordert sind

Die grandiose Atmosphäre wird durch die relativ gelungene Sounduntermalung unterstrichen. Neben den gerade erwähnten Publikum kommen auch das Grunzen der Zombies und die Klänge der Waffen gut rüber. Realistisch klingen die Sounds aber nicht, mögen sie trotzdem gut ins Geschehen passen. Manche von denen klingen sogar etwas zu dumpf, da hätte etwas Feintuning im Soundstudio gut getan. Die Musik, die von CD abgespielt wird, passt gut hinein und sorgt für actionreiche, als auch für gruselige Spielsituationen.

Das eigentliche Gameplay ist jedoch nicht ganz so ausgereift wie es hätte sein können. Das Hauptaugenmerk liegt ganz klar auf der Action, was die Rätsel in den meisten Fällen sehr stark versimpelt. So bestehen sie zumeist darin, einen Gegenstand X an einem Ort Z anzuwenden, damit Tür Y aufgeht und man den nächsten Bereich infiltrieren kann. Die Steuerung ist für ein Actionspiel auch nicht gerade 100%ig ausgeklügelt: So kann man z.B. nicht gleichzeitig „strafen“ und dabei schießen; wer während des „strafens“ nach vorne oder nach hinten laufen möchte, verharrt plötzlich. Ein blöder Bug, der einfach nur lästig ist.
Der Spieler zielt mit Hilfe eines Laserpointers auf die Gegner, womit gezielt Körperteile abgeschossen werden kann. Nach einer Zeit funktioniert das prima, allerdings steigt der Gewaltgrad damit sehr hoch. „Devil Inside“ ist ohnehin schon ein blutiges Spiel und durch Munitionsmangel ist man quasi schon dazu gezwungen Köpfe wegzublasen. Zarte Gemüter, die das Geschehen auf dem Bildschirm sowieso nicht als Satire interpretieren möchten, werden sich schnell abwenden. Jubelschreie des Publikums bei Kopfschüssen wirken – seien wir ehrlich – sehr babarisch.

digitale Geschlechtsumwandlung

Wer übrigens keine Lust auf die schwer bewaffnete Spielfigur Dave hat, kann während des Spiels an bestimmten Punkten auch auf die Figur Deva wechseln, das weibliche Gegenstück von Dave in Form einer Dämonin. Sie beherrscht eine ganze Reihe an Zaubertricks, die nicht nur sehr wirksam sind, sondern auch noch spektakulär aussehen. Im Gegensatz zu Dave kann Deva fliegen, was aber leider in der Praxis nicht so gut funktioniert.

Was soll man sagen? „The Devil Inside“ ist durchaus gelungen und bietet kurzweilige Unterhaltung. Aber auch, wenn es zu meinen Lieblingsspielen zählt, muss ich schreiben, dass an vielen Punkten noch etwas mehr drin gewesen wäre. Schade eigentlich, denn die Idee für das Szenario ist wirklich gut.

The Devil Inside
Die Ästhetik einer TV-Sendung macht dieses Spiel nicht nur ziemlich einzigartig, sondern auch den größten Reiz aus. Doch hinter dem toll realisiertem Setting lauern einige Ungereimtheiten im Spielverlauf.
audiovisuelle Präsentation7.5
Realisierung der Spielmechanik6.5
inhaltliche Gestaltung und dramaturgische Aufbereitung9.5
7.8Gesamtwertung
Leserwertung: (0 Votes)
0.0